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Münster, 22.3.2019
Musik, die den Eisernen Vorhang niederriß PDF Druckbutton anzeigen?
Dienstag, den 26. Mai 2009 um 13:34 Uhr
Vordercover Sound of RevolutionWenn es um den Zusammenhang von Musik und dem demokratischem Aufbruch in Mittel- und Osteuropa ab Mitte der 1980er Jahre geht, glauben nicht wenige Spätergeborene, irgendwie hätte die Hannoveraner Combo Scorpions mit ihrem Song "Wind of Change" den real existierenden Sozialismus gewissermaßen solo zum Einsturz gebracht - ganz so, als hätten sich die Zeilen "The wind of change blows straight / Into the face of time / Like a stormwind that will ring / The freedom bell for peace of mind" in den Gehörgängen des einst mächtigen KPdSU-Chef Michail Gorbatschow festgesetzt, der schließlich nicht anders gekonnt habe, als den freundlichen Tip des US-Präsidenten Ronald Reagan von 1987 zu befolgen: "Mister Gorbatschow, tear down this wall!".
 
Böse Zungen behaupten auch, Baywatch-Star (nein, nicht Pamela Anderson, sondern) David Hasselhoff sei der festen Überzeugung, sein 1989 vor einer halben Millionen Menschen an der Berliner Mauer geschmettertes Lied "Looking for Freedom" habe das Ziel der Reagan-Attacke, bei den damaligen ostdeutschen Kommunisten jedoch als "antikapitalistischer Schutzwall" bekannte Objekt zumindest erschüttert. In beiden Fällen geht es jedoch um einen westlichen Song, der die Verhältnisse im Osten angeblich zum Tanzen gebracht haben soll. Aus dem Blick verloren wird dabei aber die Musik, die den gewaltigen, über weite Strecken erstaunlich unblutigen Wandel gleichsam von innen heraus mitgestaltet hat. Diese Lücke zu schließen ist nun dankenswerter Weise die Sammel-CD Sound of Revolution angetreten, die die die Europäischen Kommission zusammen mit der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur herausgegeben hat.
 
Lettland schneidet in dieser Kompilation erstaunlich bravourös ab - von den 20 Liedern lassen sich immerhin drei direkt der kleinen Ostseerepublik zuordnen. Zudem haben die Verantwortlichen eine exzellente Auswahl getroffen. Mit dabei ist nämlich Ieva Akurātere mit der Ballade "Manai tautai" ("Für mein Volk") - wer am 7. Oktober 1988 an der großen Kundgebung für einen unabhängigen Rechtsstaat im Mežaparks selbst teilgenommen oder Aufzeichnungen gesehen hat, der weiß, wie emotional entscheidend der madonnenhafte Auftritt der Sängerin damals war. Im Prinzip ein Gebet, das lettische Volk möge in seiner Heimat zusammenfinden; eine glockenklare Stimme, eine akustische Gitarre, mehr brauchte es nicht, um die Singende Revolution im Baltikum mitanzuschieben.

Musikalisch lauter zur Sache ging es in dem Lied "Dzimtā valoda" ("Muttersprache") der Hardrock-Band Līvi. Trotzig röhrte Frontmann Igo Fomins den Behauptungswillen der lettischen Sprache ins Mikrofon, Widerstand gegen die schleichende Russifizierung. Kritisch sollte an dieser Stelle jedoch angemerkt werden, daß die Herausgeber von Sound of Revolution hier ebenso wie bei I. Akurātere auf Studioversionen zurückgegriffen haben. Dabei weiß jeder, der sich nur ein wenig mit der lettischen Untergrund-Audio-Cassetten-Kultur der späten 1980er Jahre auskennt, daß es von den Songs auch mehr oder weniger offizielle Live-Fassungen gibt. Es macht schon einen Unterschied, ob "Dzimtā valoda" - zugegebenermaßen an sich schon ziemlich bombastisch und scorpionslike - von den Līvi allein vorgetragen wird, oder ob das Publikum das Lied aus ganzen Herzen mitsingt und I. Fomins in rocktypischer Zwiesprache mit den Zuhörern noch ein bißchen mehr "Stoff gibt".

Der dritte Song mit Lettland-Bezug geht auf den bekannten Produzenten, Komponisten und Sänger Boriss Rezņiks zurück. Aus seiner Feder stammt nämlich die Musik für das dreisprachige vorgetragene Lied "Atmostas Baltija" ("Das Baltikum erwacht"), bei dem der Frauenschwarm Viktors Zemgals den lettischen Part singt. Das eher schlagerhafte Lied vermag zwar musikalisch nicht vom Hocker zu reißen, doch erinnert es heute an eine bisweilen vergessene Binsenwahrheit: es ist auch der Solidarität der drei baltischen Nationen in den 1980er Jahren zu verdanken, daß sie schließlich ihren Weg zurück nach Europa gefunden haben.
 
Rückencover Sound of Revolution
Abbildungen: Cover der besprochenen CD 
Sound of Revolution 

Was aber insgesamt auffällt: So aufrührerisch so mancher Text vor dem Hintergrund realsozialistischer Stagnation anmutet, so erstaunlich konservativ fällt der eigentliche Sound der Revolution aus. In die Balladenecke gehören etwa der ungarische Beitrag "Ha en rosza volnek" ("Wäre ich ein Rose") von Janos Brody, der polnische Song "Mury" ("Mauern") von Jacek Kaczmarski oder "Slubili sme si lasku" ("Wir versprachen einander zu lieben") des (damals) tschechoslowakischen Liedermachers Ivan Hoffman. Zoran Predin wiederum griff mit "Zdravljica" ("Ein Trinkspruch") auf einen slowenischen Text aus dem Jahre 1844 zurück. Deutlich folkloristisch, gar schunkelmäßig inspiriert der rumänische "Hora unirii" ("Tanz der Einheit"). Dafür schmettert Tönis Mägi (Estland) "Koit" ("Dämmerung"), als ginge es um den Einzug seines Landes in das Finale des Eurovision Song Contest. Der Bulgare Kiril Marichkov trällert geradezu mit dem italienischen Schmalzbarden Al Bano um die Wette, dafür heißt es im Text: "Ich bin kein Kommunist, ich bin kein Nihilist / Ich bin kein Chauvinist, ich bin kein Terrorist / Ich bin kein Anti-Christ, ich bin kein Extremist / Ich bin nur ein menschlich' Wesen". Gänzlich skurril wirkt der rumänische Beitrag "Desteapta-te romane!" ("Erhebe Dich, Rumäne!"): auch dieses Lied stammt aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und wurde nach 1989 zur Nationalhymne erklärt; vorgetragen von einem Chor, ist das Lied mit seinem orchesterbegleiteten Pathos aber musikalisch so gut wie überhaupt nicht von einer inbrünstig vorgetragenen "Internationale" zu unterscheiden.

Wie man mit diesem staatstragenden Pathos auch umgehen kann, demonstriert dagegen auf erfrischende Weise die ostdeutsche Punk-Band Herbst in Peking. Das werden die "Internationale" und Audio-Zitate des SED-Generalsekretärs Erich Honecker zu einem bitterbösen Text gemischt: "Man wird die Roten Götter schleifen / Viele wern's nicht begreifen / Der Götzendiener pisst sich ein / So einfach ist es, Mensch zu sein // Wir leben in der Bakschischrepublik / Und es gibt keinen Sieg / Schwarz Rot Gold ist das System / Morgen wird es untergehn // Das Volk, es wird in Trance verfallen / Und eine alte Hymne lallen / 'Die Internationale erkämpft / das Menschenrecht'". Ironisch die Ecke gedacht, musikalisch nicht gerade  Alteisen und in die postsozialistische Gegenwart verlängert auch der Song "Vote for me" ("Stimmt für mich") der ungarischen Underground-Rocker Europa Kiado: "Rettet Euren Retter! / Rettet mich, damit ich Euch retten kann. // Lenin, Jagger und Klara Zetkin / empfehlen mich. Ich bin der zuverlässige / Anti-Futurist, der Gegenstand monumentaler Propaganda. Stimmt für mich!".

Die empfehlenswerte CD Sound of Revolution wird kostenfrei von den Vertretungen der Europäischen Kommission abgegeben, die entsprechenden Erreichbarkeiten für die Bundesrepublik Deutschland lauten Unter den Linden 78, 10117 Berlin, Tel.: +49-30-22802000, Fax: -22802222, http://ec.europa.eu/deutschland/index_de.htm, E-mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. .

-OJR-
 
 

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