logo
Münster, 21.1.2018
Lettland: Jahresrückblick 2017, Teil 2 PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 30. Dezember 2017 um 00:00 Uhr

Das Erinnern bestimmt die Zukunft

Gedenkstätte Gogola ielaDer Sozialpsychologe Harald Welzer erläuterte 2010 auf einer Podiumsdiskussion im Rigaer Goethe-Institut die Psychologie des Erinnerns: Der Mensch erinnert sich nicht objektiv, sondern derart, dass es ihm gelingt, mit dem Erinnerten Gegenwart und Zukunft zu meistern (LP: hier). Das, was daran hindert, verdrängt oder verzerrt er. Das was ihm für sein Selbstbild nützt, aber nur auf Bildern gesehen oder aus Erzähltem gehört hat, hält er für persönlich Erlebtes. Auch die kollektive Erinnerung ist subjektiv. Die Erinnerungskultur der Letten war in den letzten Jahrzehnten davon geprägt, die Zeit der Sowjetunion zu bewältigen. Inzwischen entsteht Raum für Erinnerungen an Ereignisse, bei denen Letten nicht Helden oder Opfer, sondern Mittäter waren. Am 30. November trafen sich mehrere hundert Letten am Nationaldenkmal, um den Holocaustopfern unter deutscher Besatzung zu gedenken. So wird die Sicht auf die eigene Historie vielfältiger. Das passt zur Entwicklung einer offenen Gesellschaft, wie sie sich Staatspräsident Raimonds Vejonis wünscht.

Am lettischen Holocaust-Gedenktag am 4. Juli waren Vertreter des deutsch-österreichisch-tschechischen Riga-Komitees in die lettische Hauptstadt gekommen. Diese Vereinigung vertritt 56 Städte, aus denen jüdische Bürger nach Riga deportiert worden waren. Sie nahmen u.a. an einer Gedenkveranstaltung auf dem Gelände der zerstörten Synagoge an der Gogloa iela teil. Foto: Reinis Inkēns, Saeimas Administrācija

Weiterlesen...
 
Lettland: Jahresrückblick 2017, Teil 1 PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 28. Dezember 2017 um 10:11 Uhr

Die Risse vergrößern sich

GasröhrenproduktionDas Jahr 2017: Für die einen war das Glas halb leer, für die anderen halb voll. Die Bewertung hängt davon ab, aus welcher Perspektive man die Welt und das Geschehen auf ihr betrachtet: von oben oder von unten? Von oben sieht man gute Konjunkturzahlen, eine erholte Wirtschaft, Rückgang der Massenarbeitslosigkeit oder sogar Mangel an Fachkräften; von unten Flaschensammler auf den Straßen, Obdachlose, Kinderarmut, prekär beschäftigte Dienstleister und gestresste Scheinselbstständige, die kaum über die Runden kommen. Die Haarrisse in den Beziehungen verschiedener Gruppen und Menschen verlängern sich, haben sich an manchen Stellen schon zum tiefen Spalt ausgeweitet. Auch die Informationsräume trennen sich; staatstragende Medien, meistens noch gedruckt oder als Rundfunk und Fernsehen verbreitet hier oben; systemkritische Medien, die Grundsätzliches infrage stellen da unten, im noch ungezügelten Internet. Es folgen wechselseitige Fakenews-Vorwürfe und Unverständnis; sag mir, welche Medien du konsumierst, ich sage dir, wer du bist und was du denkst. Misstrauen beherrscht die Europäer, gegenüber anderen, gegenüber Fremden, gegenüber konkurrierenden Nationen, angeheizt durch eine Wettbewerbsideologie, die den Anschein erweckt, als könnten alle gewinnen und die die Verlierer des großen Rattenrennens unterschlägt. Hier der erste Teil des lettischen Jahresrückblicks für 2017.

Schweißt Europa zusammen oder driften seine Nationen auseinander? Symbolisch dafür steht der Streit um die geplante Ostseegasleitung Nord Stream 2 zwischen Russland und Deutschland. Röhren für diese Pipeline werden im italienischen Werk Castoro Sei gefertigt, Foto: Von Bair175 - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link

Weiterlesen...
 
Weihnachtsgeschichte PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 23. Dezember 2017 um 00:00 Uhr

Ligatne

Am Ligatne-Fluss, Foto: LP

Wie die Venta entstanden ist, eine Weihnachtsgeschichte

Oder: Weil Frauen stets an allem schuld sind und Gott dies wohlweislich für sein Strafgericht einkalkuliert

Oder: Pikante Vorgänge finden lieber im Nachbarland statt

Es ist nicht ganz leicht, lettische Weihnachtsgeschichten zu finden, denn in der großen Märchen- und Sagensammlung von Peteris Smits (LP: hier) besteht dafür keine eigene Kategorie. Aber der lettische Volksmund überlieferte so manches Erscheinen Gottes unter den Menschen, das sich zum Weitererzählen unter dem festlich geschmückten Tann empfiehlt. In der folgenden Geschichte wird die göttliche Gerechtigkeit demonstriert. Sie zeigt Gott als großen Humoristen, der den lausigen Arbeitsbegriff des Bürgers in Frage stellt. Was der Deutsche "Arbeit" nennt, bezeichnet der Lette als "darbs". (Ob die lautliche Ähnlichkeit des lettischen Hauptworts "darbs" mit dem deutschen Tätigkeitswort "darben" wieder nur etymologischer Zufall ist?) Es missfällt Gott gewiss sehr, was der Bürger seit der Erfindung der Dampfmaschine als Arbeit und was er als Vergnügen bezeichnet. Für den emsigen Bürger zählt nur das als Arbeit, womit er Geld scheffelt, und alles andere, auch das leiblich Notwendige, ist ihm bloßes Freizeit- und Privatvergnügen. Das leiblich Notwendige kann allerdings aus pikanten Details bestehen. Deshalb konnte folgende Geschichte nur mit darbender Mühe vom Schreiber dieser Zeilen in eine Weihnachtsgeschichte umgemünzt werden. Die Geschichte zeigt aber auch, dass der liebe Gott männlich ist und natürlich wieder mal die Frau auf eine verhängnisvolle Idee kommen lässt. Janis Bullis aus Ventspils erzählte diese Geschichte in seiner Fassung 1952 einem Schreiberling. Doch im Internet ist auch von einer Una Jansone (pasakas.net) die Rede.

Weiterlesen...
 
<< Start < Zurück 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Weiter > Ende >>

Seite 3 von 313

(C)2006-2011 Lettische Presseschau Impressum || Kontakt ||