Vom achten bis zum 30 Juli nutzten 17 junge Menschen aus Lettland ihre wertvolle Ferienzeit dazu, ihre Kenntnisse in der deutschen Sprache durch einen Sommersprachkurs in Münster aufzubessern. Erstmalig bot das dort ansässige Lettische Zentrum mit der Unterstützung des Goethe-Instituts in Riga einen solchen Ferienkurs an. Um es vorwegzunehmen: Es war für alle Beteiligten ein voller Erfolg.
Als Lehr- und Wohnstätte stellte das LCM (Lettische Zentrum Münster) seine Einrichtungen zur Verfügung. Ein perfekter Ort für eine Sprachschule, handelt es sich doch bei dem LCM um ein ehemaliges Gymnasium mit angeschlossenem Internat. Dort an der Salzmannstraße ist alles vorhanden, was man für eine gut funktionierende Sprachschule benötigt. Neben einer eigenen Schulbibliothek verfügt der Gebäudekomplex auch über eine Aula, Freizeiträume, eine Küche und sogar über einen eigenen Sportplatz. Für den deutschen Teil der Lettische Presseschau eine ausgezeichnete Gelegenheit, den direkten Kontakt mit der Jugend Lettlands aufzunehmen und die Sprachschüler einmal zu fragen, wie es ihnen in Deutschland ergangen ist.
Biertest mit Bravour bestanden
Der Überlegungen des Redakteurs die Stimmung zu Beginn mit einem „ultimativen Biertest“ auflockern zu wollen, erwiesen sich als eigentlich überflüssig. Von Beginn an zeigten sich die Sprachschüler aufgeschlossen, redebegierig und freundlich. Sie beantworteten nicht nur - trotz bevorstehenden Prüfungsstresses- bereitwillig alle Fragen, nein, die drehten zuweilen auch mal ganz gern den Spieß um. Warum die Deutschen immer das Negative herausstellen wollten und wenn man schon dabei sei, warum man sich in Deutschland so furchtbar kleidete. An letzterer Frage war wenigstens gut zu erkennen, dass die meisten der Jugendlichen noch nie unseren Freunden von der Insel einen Besuch abgestattet haben.

| Elina möchte Dolmtscherin werden | Karlis findet den Ferienkurs super
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Polyglott, clever und irgendwie auch ganz normal
Dafür sprachen die Jugendlichen aber nicht nur überaus passabel Deutsch, sie waren zudem in der Lage mit traumwandlerischer Sicherheit ihre Antworten auch in Englisch zu artikulieren. Viele der Jugendlichen beherrschen zudem Russisch und Französisch, was den Schluss zulässt: Diese Generation wird viel für sich und ihr Land tun können und so manch westlichen Nachbarn gleichen Alters beruflich in die Tasche stecken. 10 Euro Taschengeld im Durchschnitt bekommen die 13 bis 18 Jährigen Jugendlichen zu hause. Damit war schnell klar, dass die meisten der Sprachschüler aus wohlhabenden oder zumindest nicht ärmlichen Verhältnissen in Lettland stammen und sie sich eigentlich in ihrem Lebensstil zwischen Digitalkamera und IPod kaum von deutschen Jugendlichen unterscheiden.
Zuviel Mc Donalds und anderen Fastfood gäbe es in Deutschland. „Das Essen ist einfach nicht so gut wie zu hause.“ sagt die 16 jährige Elina Briezkalna in fließenden Deutsch und Timurs Butenko ergänzt verschmitzt: “Stimmt, das tut mir fast Leid es sagen zu müssen, aber die Restaurants sind in Lettland nicht nur billiger, das Essen ist auch viel leckerer. Ja, und Laima Schokolade gibt es hier auch nicht.“ Aber von Straßen und Infrastruktur, davon zeigten sich alle tief beeindruckt. Die Fußball WM sei klasse gewesen und vor allem: „die Deutschen sind richtig freundliche und hilfsbereite Menschen“. Ein wenig befremdet zeigte man sich von den „ständig geschlossenen Geschäften und dass alles was man kaufen kann, übertrieben verpackt ist.“ sagt Guna Krutova aus Valmiera. Insgesamt zeigten sich aber die Schüler begeistert und erfreut von ihrem Gastgeberland und all den neuen Eindrücken, die sie zwischen Stadtralley, Fahrradtour, Phantasialand oder beim Besuch einer Großraumdisko sammeln konnten. Alle Schüler versicherten der Lettischen Presseschau, unbedingt wieder einmal nach Deutschland zurückkommen zu wollen.
Zukunft fest im Blick
Dolmetscher, Betriebswirte, Wirtschaftsjuristen und Ärzte wollten sie werden. Lettland habe eine hervorragende Zukunft und das ist doch, was wirklich wichtig wäre. Als Drehscheibe zwischen Ost und West, als Handelsplatz im Baltikum. Ob man vor Russland Angst habe? „Russland ist doch kein Bär, der alle fressen will.“ stellt der 17 jährige Antons Sepetis etwas brüskiert fest. Bei diesem Thema angelangt, verdrehten alle die Augen. Probleme mit der russischen Minderheit? Keine Spur: „Wir sind alle Letten, ob russischer oder lettischer Eltern, wir leben alle im selben Land“ sagten sie unisono.
Man habe es auch ein wenig satt, dies immer wieder zu problematisieren. „ Ja mag sein, am Anfang mag das auch unter Jugendlichen ein Thema gewesen sein, doch nun interessiert es uns doch nur die gemeinsame Zukunft. Wir wollen doch alle miteinander auskommen“ erklärte Antons weiter. „Ich mag die Russen nicht.“ rief plötzlich die 16 jährige Liga Heislere in die Runde. Damit hatte sie nicht nur das Gelächter Ihrer Mitschülerinnen auf ihrer Seite, sondern stellte damit auch unter Beweis, dass man nicht jede Aussage zu diesem Thema so bierernst nehmen sollte, wie es Teile der lettischen und russischen Presse zuweilen tun.

Liga ist nicht auf den Mund gefallen Antons weiß genau was er will
Prüfungen bestanden
Apropos bierernst: 5 gekühlte Biere standen zum Test für die Jugendlichen ab 16 Jahren zur Verfügung. Nur ein Gerstensaft kam dabei aus Lettland. Es handelte sich um ein Cesu Bier. Jenes erfrischende Gebräu, welches aus der alt ehrwürdigen Burgenstadt Cesis, gelegen am östlichen Ende des Gauja Nationalparks, stammt und bei vielen erprobten Lettlandtouristen als „definitiv bestes lettisches Bier“ bekannt sein dürfte. Mehr als 2 Drittel der Probanten erkannten das lettische Gebräu. Bezeichnenderweise war es Ilze Balode, die das Bier ihrer Heimatstadt Cesis als Erste erkannte.
Entgegen anderen Zeitungsartikeln kamen alle Schüler mit gewissen Deutschkenntnissen nach Münster. Zwischen zwei und sechs Jahre hatten es die Jugendlichen bereits mit der deutschen Sprache zu tun gehabt. Dennoch konnte die Lehrerin Frau Silvija Puzule einen Lehrerfolg auf ganze Linie verzeichnen: „Alle Schüler haben den Abschlusstest bestanden.“ Vier von Ihnen sogar mit einem C2 Abschluss, der als großes deutsches Sprachdiplom international anerkannt ist. 6 Schüler erreichten C1, das beim Goethe-Institut als kleines deutsches Sprachdiplom ebenfalls viele Türen für eine steile Karriere öffnen kann. Aber selbst die 10 übrigen Absolventen können mit ihren B1 oder Start Zertifikat sicher sein, dass die erlernten Sprachfertigkeiten irgendwann einmal fruchten werden.
Ein Thema, welches derzeit in Lettland die Gemüter erregt, konnten auch wir bei unserem Besuch nicht unter den Teppich kehren: Der gesellschaftliche Umgang mit gleichgeschlechtlichen Beziehungen ist in Lettland zumindest diskussionswürdig. Zugegeben, ein wenig unfair ist es schon, wenn man Jugendliche im Alter von 13 bis 18 Jahren mit der Problematik der freien sexuellen Selbstbestimmung konfrontiert. Diese neuen Freiheiten wurden von den Jugendlichen durchweg mit deutlichem Unverständnis quittiert. Man verstehe einfach nicht, warum die Homosexuellen ihre Neigungen plötzlich derart zur Schau stellen müssten.
Komplimente allenthalben
Der Besuch bei den Sprachschülern musste einfach Spaß machen. Am Schluss wurde gar gesungen und mehr als nur eine LAOLA Welle schwappte durch den Aufenthaltsraum des Lettischen Zentrums. Es war vor allem diese Lebensfreude und Frische mit der diese kleine Auswahl Lettlands den Journalisten überraschte. Dieser verließ das endlich wiederbelebte Gebäude des LCM mit dem sicheren Gefühl, gerade selbst zu Gast bei Freunden gewesen zu sein.
Nun sind die Sprachschüler wieder sicher in ihre Heimat zurückgekehrt und die ersten Reaktionen lassen auf das Beste für die Zukunft hoffen: „ Dieses Pilotprojekt war ein voller Erfolg für alle Beteiligten. Wir alle haben wertvolle Erfahrungen gesammelt und sind sowohl bei den Eltern, als auch den Jugendlichen selbst, auf durchweg positive Resonanz gestoßen.“ erklärt die Geschäftsführerin des Lettischen Zentrums, Frau Zuze Kreslins-Sils der Lettischen Presseschau nicht ohne Stolz. „Gerade hatte ich noch ein Gespräch Herrn Thomas Diekhaus, dem Leiter für Sprachkurse beim Goethe-Institut in Riga. Auch das Goethe-Institut hat seine vollste Zufriedenheit zum Ausdruck gebracht und wir haben schon die ersten Überlegungen für den nächsten Ferienkurs im Sommer 2007 angestellt.“ Es gibt eben nichts Gutes außer man tut es.
-JvR-