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Riga im Schnee PDF Drucken E-Mail
09.02.2010
Eiszapfen am Straßenbahndepot im Viertel KengaragsWie weiße Salbe bedeckt der Schnee das Viertel, verdeckt baufällige Dächer, die der Last noch standhalten, Schlaglöcher auf den Straßen, Pflaster und Asphalt von Rigas Maskavas Forštate, dem bittersüßen Vorstadtviertel mit den modrigen Holzhäusern. Das Schneetreiben übertüncht die Meldungen der Krisenticker. So etwas hat der winterfeste Lette selten geschaut. Twens behaupten, sie hätten solche Schneemassen noch nicht erlebt. Dieses Erstaunen mildert den Stress mit der Jobsuche. Um so mehr schuften die Seniorinnen, die sich als Hausmeisterinnen der zahllosen Plattenbauten verdingen. Sie schippen den Schnee unentwegt und unermüdlich, während ich mich zur gemächlichen Schreibtischarbeit davonstehle.
 
Die malerischen Eiszapfen sind tückisch. Foto: UB

Die Hausmeisterin, die mit ihrer Schaufel in der Kälte harrt, ist mir trotz meiner ergrauten Haare mindestens ein Dutzend Lebensjahre voraus. Sie spricht recht passabel Lettisch, spricht nostalgisch von sowjetischen Zeiten. Ich kann es ihr nicht ganz verdenken. Zwei Männer starben, so liest man, nach übereifriger Schneeschaufelei. Mediziner warnen vor Überanstrengung, als ob Schneeräumen fröhlicher Leichtsinn wäre wie ein zu berauschter Technotanz. Die Stadtverwaltung überwacht und bestraft, fabrizierte allein Anfang Februar 143 Protokolle. Der säumende Schneeräumer ist regresspflichtig für Leib und Leben seiner Passanten. Die Hausbesitzer haften für herabfallendes Ungemach von ihren Dächern. Sollen sie Selbstmord beim Schneeräumen auf überhohem Dach begehen? Oder doch lieber Mord durch fallende Eiszapfen, die Passantenhirne durchbohren? Diese Entscheidung muss mancher Eigentümer oder seine stellvertretende Hausmeisterin treffen. In der Sonne glitzernd hängen die Eiszapfen herab. Sie sind die Vamps der Dachrinnen, schön und verhängnisvoll.

Eiszapfen an einem fünfstäckigen Wohnhaus der Moskauer Vorstadt.

Wer wird wagen, diese Eiszapfen zu entfernen? Foto: UB

 

Oder man schaufelt sich eben tot, um an vereisten Spurrillen zu werkeln. Dennoch vermelden die Rettungsdienste ständig Gelenkbrüche. Unumkehrbar sind die Amputationen, die schwarz verwesten Gliedern drohen. Manche verweilen zulange im eisigen Draußen, ob zum Spaß oder wegen obdachloser Not und sozialen Elends, das verrät die Meldung freilich nicht.

 

Die verschneite Ludza Straße an der Lettischen Kulturakademie

Neben den Schneedämmen wird es eng für die Parkenden. Der Altschnee türmt sich noch nach mehreren Tagen meterhoch. Foto: UB

 

 
Wie Kanäle ziehen sich schmale Wege durch die Stadt, flankiert durch meterhohe Schneedämme, hinter denen so manches Auto verschwindet. Busfahrer versuchen, auf den verengten Fahrbahnen die Rückspiegel der Parkenden zu schonen, das ist Millimeterarbeit, die der Steuermann unter blitzernder Trolleybusleitung genervt und fluchend verrichtet.

Trolleybus Nr. 15 auf dem Weg ins Zentrum

Die Fahrkunst der Trolleybusfahrer und -fahrerinnen ist jetzt besonders gefragt. Foto: UB

 

Die Tageszeitung Diena hat andere Sorgen. Arbeiter, die Schnee räumten, kippten ihn auf das Denkmal Oskars Kalpaks`. Der lettische Nationalheld sei, welch ein Skandal, bis zum Schnauzbart zugeschüttet. Dagegen sei das benachbarte Ehrenmal für einen russischen Generalfeldmarschall geräumt gewesen. Das macht den Skandal erst richtig skandalös. Wenige Tage später publizierten die Redakteure ihre Erfolgsmeldung: Kalpaks` silbernes Antlitz glänzt wieder vom Schnee befreit in der Sonne. Behaupte niemand, dass investigativer Journalismus nichts ausrichte.

Kalpaks Denkmal vor der orthodoxen Kirche im Park Esplanade.

Kalpaks, hier sein Denkmal in milderen Tagen, war der erste Kommandeur der lettischen Streitkräfte. Mit ihm verbinden die Letten ihren Freiheitskampf gegen Deutsche, Russen und Sowjets. Foto: UB

 

Erfolgsmeldungen allenthalben. Wie Fanfarenstöße verlautbart die Stadtverwaltung Rekordzahlen geräumter Kubikmeter. Mit Streumaschinen, Motorpflügen, Traktorbürsten, Raupen, Räumern und Kippern zogen die Abkommandierten in die nächtliche Schlacht. Sie räumten zwischen dem 2. und 7. Februar fast 44000 Kubikmeter von den Straßen, Haltestellen und Brücken. Das entspreche der Last von 3143 großen Kipp-Lkw. Ich überlasse es den gepeinigten Pisa-Büfflern, die Traglast eines so riesengroßen Kipp-Lkw zu berechnen. Wieviel Schnee wohl die Kipp-Lkw in Vilnius, oder schlimmer noch – in Moskau davonschafften? Wo befindet sich Riga eigentlich im internationalen Schneeräum-Ranking?

Am Güterbahnhof in Kengarags

Ein einsamer Schneeschipper an den Gleisanlagen. Menschen, die sich mit den Schneemassen abmühen, sieht man derzeit überall in der Stadt. Foto: UB

 

Die Schneeräum-Söldner sind keine Feinde des Schnees. Der Schnee verschafft 61 Erwerbslosen in einem Gemeinschaftsprojekt mit der Stadtverwaltung, dem Europäischen Sozialfonds und mit Vicemērs Ainārs Šlesers höchstselbst Arbeit und Brot. Man kann sagen, der Schnee erbarmt sich, rieselt und weht und stürmt aus sozialen Gründen. Am 8. Februar verkündete Vizebürgermeister Šlesers, Oligarch und Selfmademan aus dem akademischen Off, den Sieg seiner Stadt über Washington: “Falls es jemandem so scheint, dass in Riga irgendetwas nicht hinreichend verrichtet worden ist, dann können wir uns in den internationalen Medien anschauen, was gerade in Washington passiert. Diese Stadt ist paralysiert. Wir verfügen über genügend Kenntnisse, um sicherzustellen, dass in Riga kein Chaos herrscht.”

Der Schnee hellt die Straßen am frühen Abend auf.

Kiosk an der Moskauer Straße in Riga. Foto: UB

 

Trotz des Triumphgefühls behält der notorische Ärmelaufkrempler Šlesers einen kühlen Kopf fürs Tagespolitische und knöpft sich die Erwerbslosen vor, die nach wie vor im Zeltstädtchen vor dem Regierungskabinett protestieren. Seine Mitarbeiter nahmen deren Bewerbungen missmutig mit dem Hinweis entgegen, dass sie keine Arbeitsagentur seien. Ihr Chef hatte zuvor zugesagt, bei der Stellensuche zu helfen. 61 der versprochenen 50000 Arbeitsplätze hat der Vicemērs in seiner Stadt ja schon geschaffen. Hoffentlich schneit es bald weiter.

Eine Nebenstraße in der Moskauer Vorstadt Rigas.

Die Moskauer Vorstadt ist ein reizvolles Viertel. Es hat eine traurige Geschichte, denn hier richteten die Nazis das Juden-Ghetto ein. Auch deutsche Juden wurden hierhin deportiert, bevor sie in Auschwitz ermordet wurden. Heute ist der Stadtteil, der mehrheitlich von Russischstämmigen bewohnt wird, ein vitaler Ort kreativer junger Leute, aber auch ein Viertel mit sozialen Problemen. Von den charakteristischen Holzhäusern sind leider nicht mehr alle zu sanieren. Foto: UB 

 

Riga im Schnee bedeutet auch Riga im Wasser. Rohrbrüche verursachen Überschwemmungen im Eis. Eine solche Avārija erfreute Steuersünder und sonstige Verbrecher am 8. Februar ganz besonders: Wegen eines Leitungsbruchs in der Abrene Straße blieben die dortigen Bezirksgerichte geschlossen.

 
Avārijas allenthalben. Die Häuser brennen. Die Gasversorgung ist marode. Die Gaskessel explodieren. Die Hydranten eingefroren. Die elektrischen Heizlüfter überfordert. Es gibt Tote und Verletzte. So erscheint der technische Zustand Rigas in den Schlagzeilen. Adrians Dāvis, Chef des lettischen Gasversorgers, beklagte in einem TV-Interview das leichtfertige Gebaren seiner Kunden. 4000 mal wurde im letzten Jahr der Notdienst seines Unternehmens wegen Gasgeruchs gerufen. Besonders im Winter steige wegen des hohen Verbrauchs auch die Gefahr. Das Gasnetz sei bis zu 50 Jahre alt und manchen, der sich den neuesten Fernseher zulege, kümmere der technische Zustand seines 30 Jahre alten Gasherds nicht.

Eisangler auf der Daugava, auf der Höhe des Fernsehturms.

Diesmal wird das Eis die Stühlchen wohl tragen. Foto UB

 

Riga im Eis. Väterchen Frost hat mit der Daugava leichtes Spiel. Sie ist nicht so ein ebenbürtiger Gegner wie der Vater Rhein. Sie ist breit, aber auch flach und gemächlich. So trippeln die Angler mit ihren Stühlchen über das Eis, das nun sicherer trägt. Von Unfällen war bislang nicht die Rede. In wärmeren Wintern füllen Schlagzeilen über die leichtsinnige Eisangelei die Gazetten. So manches Anglerstühlchen liegt auf des Flusses seichtem Grund. Doch in diesem Winter will sich offenbar keines hinzugesellen.

Zugeschneites Auto in der Moskauer Vorstadt Rigas

Dieses Auto wird so schnell keinen Verkehrsunfall verursachen. Schneedämme in der Moskauer Vorstadt Rigas. Foto: UB

 

Die weiße Salbe bedeckt auch die Schwarzen Punkte der Stadt. Damit ist nicht die Pest gemeint, sondern die moderne Massenmobilisierung verursacht diese Wunden. Pressesprecherin Ieva Prauliņa vom städtischen Verkehrsamt informierte die Presse, dass sich die Stadt von den Schwarzen Punkten kuriert habe. Ihr Amt hatte jede Kreuzung, auf der sich jährlich 30 Unfälle oder mehr ereigneten und das drei Jahre lang in Folge, zum Schwarzen Punkt erklärt. Davon gab es in den letzten Jahren Einige. Doch 2009 zählten die Polizisten selbst auf der gefährlichsten Kreuzung zwischen der Liepāja Straße und der Kārļa Ulmaņa gatve nur noch 29 Unfälle. Die Zahl der Toten und Verletzten verringerte sich deutlich. Frohe Botschaften in eisigen Zeiten.

Die lettischen Ökonomen sind bereits in Frühjahrslaune. Die Arbeitslosigkeit hat sich auf höchstem Niveau leicht reduziert. Es sind wieder Wachstumsraten zu verzeichnen. Die Talsohle ist erreicht, da kann man optimistisch nach oben schauen. Erste Experten empfehlen das sparsam gewordene Lettland schon als Musterländle für Griechenland und andere klamme Südeuropäer. Aber schwarz gewordene Gliedmaßen werden weiter abgetrennt – das ist kein Spaß.

UB

 

Die Informationen sind aus verschiedenen Artikeln der folgenden Webseiten entnommen: www.diena.lv; www.delfi.lv; www.nra.lv


Der Schneemann sieht ein wenig zu optimistisch in die Zukunft

Schneemann am Bastejkalns im Zentrum Rigas. Foto: UB

 
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