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Lettlands Aussichten bei Olympia PDF Drucken E-Mail
03.02.2010
Die sportbegeisterten Letten werden die Winterspiele genau verfolgen.Die Olympischen Winterspiele in Vancouver werfen ihre bedrohlichen Schatten voraus. Höchste Zeit für die Sportredaktion dieses Portals, sich einmal mit den lettischen Medaillenhoffnungen zu befassen. Doch Hoffnung, das wusste bereits der leider längst verstorbene Dramatiker Heiner Müller, ist nur ein Mangel an Information.
 
Die Letten erzählen sich über den vierfachen Helden der Sowjetunion, Leonid Breschnew, folgenden Witz: Der Staatschef soll zur Eröffnung der Olympischen Spiele eine Rede halten. Er liest vom Blatt ab und beginnt mit den Worten: "o-o-o-o-o".

Jedes weitere Wort zu lesen erübrigt sich also bereits an dieser Stelle für den geneigten, mit Lettlands Sportlern sympathisierenden Besucher dieser Seite. Es sei denn, er möchte seine alljährliche Winterdepression zu einem stabilen persönlichen Tief auswachsen lassen. Heiner Müller wohnte in Pankow, sein Lieblingsclub war vermutlich der lokale Verein mit dem schönen Vornamen Einheit. Die Pankower spielte sogar in der höchsten DDR-Klasse, schossen in der Spielzeit 1950/51 in 34 Ligaspielen 29 Tore und bekamen selber 131 hinten hinein. Wer braucht da noch mehr Information?

Lettische Medaillenhoffnungen, um das Eingangsthema wieder aufzugreifen, gibt es gefühlt eine halbe. Eher sind es zwei Viertel. Im Rodel-Einsitzer der Herren besitzt Mārtiņš Rubenis eine Außenseiterchance. Die besaß er bereits vor vier Jahren bei den Spielen von Turin. Wundersamerweise nutzte er sie: Rubenis gewann die bislang einzige Medaille für Lettland bei einer Winterolympiade. Seitdem hat er kein Edelmetall mehr bei großen Wettbewerben geholt. Ausnahme war die Rennrodel-EM 2008 - und auch wieder nicht, denn der Wettbewerb besitzt einen viel geringeren Stellenwert als etwa die WM oder gar Olympia. Immerhin wurde er mit der lettischen Mannschaft Europameister. Leider ist der Teamwettbewerb nicht olympisch. Eine Medaille für Rubenis in der olympischen Einzelkonkurrenz von Whistler Mountain wäre eine Sensation.

Rubenis wird wohl der Glatzkopf in der Mitte sein.

Mārtiņš Rubenis, hier mal nicht in Rennkluft, sorgt dafür, dass die kleine Flamme der lettischen Olympiahoffnungen nicht ausgeht. 2006 gewann er Lettlands bislang einzige Medaille bei Olympischen Spielen. Foto: "longtrekhome" auf Wikimedia Commons

Gleich zwei Medaillenchancen hat Jānis Minins, im Zweier- und im Viererbob. Im kleinen Schlitten sind sie marginal, im letzteren Wettbewerb gar nicht so schlecht. Minins wurde im italienischen Cesana 2008 Europameister, doch ist der Titel sportlich nicht viel wert. Beachtlicher war die Bronzemedaille, die er im letzten Jahr bei der WM in Lake Placid gewann. Die olympische Bahn von Whistler Mountain kennt Minins gut; er hält dort sogar den Geschwindigkeitsrekord mit etwas über 150 Stundenkilometern. Favoriten sind die Nordamerikaner - US-Pilot Steven Holcomb sowie der Kanadier Pierre Lueders - und natürlich Deutschlands immergrünes Bobreptil, der 36-jährige André Lange. Auch Ivo Rüegg darf man nicht vergessen: Schweizer Viererbobs sind bei Olympia stets heiße Anwärter auf die vorderen Ränge. So gesehen wäre ein vierter oder fünfter Rang eine Riesensache für Minins.

Bleibt noch der Blick aufs olympische Eishockeyturnier. Lettlands Auswahl wird unter die ersten Zwölf kommen, denn mehr Teams sind nicht am Start. Der Wettbewerb dauert lange, vom 16. Februar bis zum Endspiel am Schlusstag. Doch mit der Medaillenvergabe werden die Letten nichts zu tun haben, auch wenn der reichlich komplizierte Turniermodus gleich mehrere Niederlagen erlaubt.

Die Letten ließen sich auf keinen Schwedentrunk ein.

 Bei der letzten Eishockey-WM konnte Lettland die Schweden überraschend besiegen. Foto: Raymond Tellers auf Wikimedia Commons

Es gibt drei Vierergruppen, in derjenigen der Letten warten Russland, Tschechien und die Slowakei. Die drei Gruppenersten sowie der beste der drei Gruppenzweiten qualifizieren sich direkt für das Viertelfinale. Die verbleibenden acht Teams spielen in einer Playoff-Runde die verbleibenden vier Plätze für das Viertelfinale aus. Das Team auf dem fünften Rang der Vorrundenbestenliste trifft dabei auf das zwölftplatzierte, das sechstplatzierte auf das elftplatzierte, das siebtplatzierte auf das zehntplatzierte und das achtplatzierte auf das neuntplatzierte. Alles klar?

Die siegreichen Playoff-Qualifikanten spielen anschließend im Viertelfinale gegen eines der vier bereits qualifizierten Teams. Die Sieger daraus treffen im Halbfinale aufeinander, wobei die Sieger das Finale um die Goldmedaille und die Verlierer das Spiel um die Bronzemedaille bestreiten. (Jetzt raucht dem Schreiber dieser Zeilen das Hirn. Er hält sich inzwischen für ausreichend befähigt, um sich bei einer Kanzlei als Verfasser von Kleingedrucktem, vulgo: von juristischen Texten zu bewerben).

Bei der letzten Eishockey-Weltmeisterschaft spielten die Letten hervorragend. Da gab es sechzehn Teilnehmer und daher naturgemäß mehr Opfer. So konnte Lettland gleich viermal siegen: 3:2, freilich erst nach Penalty Shootout, gegen Schweden, 2:0 gegen Österreich, 2:1, wieder nach Penalties, gegen die Schweiz und 7:1 gegen Frankreich. Im Viertelfinale gegen Kanada war dann Endstation. Es gab ein ehrenvolles 2:4, die Tore für Lettland erzielten Guntis Galviņš und der für Krefeld in der deutschen Liga spielende Herberts Vasiljevs. Die Beiden sind auch in Vancouver dabei.

Die meisten Erwartungen ruhen jedoch auf Edgars Masalskis von Dinamo Riga, einem der besten Keeper außerhalb der National Hockey League. Unterstützt wird er neben Galviņš von den Klasse-Verteidigern Oskars Bārtulis und Kārlis Skrastiņš. Beide sind in der nordamerikanischen NHL tätig, Bārtulis bei den Philadelphia Flyers und Skrastiņš bei den Dallas Stars. Von den lettischen Stürmern genügt nur Janis Sprukts, ebenfalls von Dinamo Riga, höheren internationalen Ansprüchen.

Vom Turnier in Vancouver wird in diesem Portal selbstverständlich berichtet. Ein großer Erfolg für die Letten wäre der Einzug ins Viertelfinale. Ein Sieg gegen einen der Großen wäre schön - wenn auch in etwa so wahrscheinlich wie eine Geschwindigkeitssteigerung von Minins' Viererbob auf 200 Stundenkilometer.

Ralf Höller


 
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