
Im ersten Jahrzehnt des
20. Jahrhunderts, als die Handwerker an den Fassaden der Neubauten begannen, zierliche Linien, Pflanzenornamente und symbolistische Figuren anzubringen, wetterte der österreichische Architekt Adolf Loos gegen die Verzierung der Architektur, nannte die Vermischung von Gebrauchs-Gegenständen mit Kunst “barbarisch”. Damit nahm er das funktionalistische Bauen vorweg.
Ein Haus ist demnach nur schön, wenn seine Form vollständig seiner Funktion entspricht und keinen überflüssigen Schmuck aufweist. Doch der Philosoph Ernst Bloch hielt in seinem Werk
Geist der Utopie von 1918 dagegen: “Eine Geburtszange muss glatt sein, eine Zuckerzange mitnichten.” Dabei dachte er wahrscheinlich an die vielen Blumenornamente, die die Zuckerzangen jener Zeit
auf unebene Weise zierten. Stilisierte Pflanzen waren beliebte Motive der Künstler und Handwerker, die sich im Jugendstil übten, eine
m neuen Dekor, das teilweise aus dem überladenen Historismus hervorging, ihn teilweise überwand oder ga
r zu völlig neuen Formen gelang. Die Jugendstil-Architektur verbreitete sich schnell im noch-zaristischen Riga, das sich damals zu einer der wichtigsten Industriestädte des Imperiums entwickelte. Die Bevölkerungszahl der baltischen Metropole hatte sich innerhalb von 50 Jahren nahezu verfünffacht. Vor dem Weltkrieg zählte die Stadt fast eine halbe Million Einwohner. Die Früchte dieser Blütezeit sind noch an vielen Stellen der Innenstadt sichtbar. Riga, dessen Altstadt und Neustadt zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört, lockt als eine der größten Jugendstil-Zentren Europas. Der deutschbaltisch-lettische Kulturverein
Domus Rigensis widmete sich vom 2. bis 4. Juli 2010 diesem Thema.