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Münster, 14.12.2018
Wie das Unerhörte unaussprechlich geschieht - Rūdolfs Blaumanis` Novelle "Die Raudup-Wirtin" PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 27. April 2013 um 00:00 Uhr

Titelblatt der Novelle Raudup-WirtinIn diesem Jahr gedenken die Letten des 150. Geburtstags eines Schriftstellers, der Bildungsbürger ebenso beeindruckte wie Leute, denen das Geld für einen Hochschulbesuch fehlte. Seine Beziehungskomödie Schneidertage von Silmači gehört zur lettischen Volkstradition. Viele Theater haben dieses Stück alljährlich zur Zeit der Johannisfeier im Programm. Rūdolfs Blaumanis ist der Geehrte, der Urheber populärer Prosawerke und Schauspiele. Er wuchs mit der deutschen Sprache auf, ging in eine deutschsprachige Handelsschule und lernte früh die Literatur des Goethelandes kennen. Die erste Erzählung Wiedergefunden veröffentlichte er 1881 auf deutsch. Später wurde er einer der bekanntesten Autoren der lettischen Literatur. Heinrich Bosse hielt einen Vortrag auf einem Blaumanis-Seminar, das die Universität Lettland im März dieses Jahres in Rigas Kleiner Gilde organisierte. Der Kenner deutschbaltischer Literatur erläuterte die spezielle Art, wie Blaumanis Dorfgeschichten erzählt. Dieser Naturalist zerstört die Idylle, wie sie in herkömmlicher Dorfprosa verklärend dargestellt wird. Das Landleben ist für Blaumanis keine heile Welt mehr, kein Gegenentwurf zu den sittlichen Abgründen der Großstadt. Das Dorf ist aus der Perspektive dieses Autors ein Ort des Verderbens und Horrors geworden. Ein Beispiel dafür ist die Novelle Raudupiete von 1889, die Blaumanis unter dem Titel Die Raudup-Wirtin eigenhändig ins Deutsche übertrug. Aus dieser Übersetzung wird im Folgenden zitiert werden.

Titelseite der Novelle in einer Ausgabe von 1941, Foto: LP

 

Dass die Novelle von der Raudup-Wirtin keine heitere Idylle ist, zeigt sich bereits in den ersten Sätzen dieses 82seitigen, für altersschwache Augen groß bedruckten Büchleins: Die Geschichte beginnt mit einer Beerdigung. Nun ist der Tod eine unangenehme Naturnotwendigkeit, die in den besten Idyllen vorkommt. Befremdlich bigott ist jedoch die menschliche Trauerarbeit, die sich in einer heilen christlichen Dorfwelt nicht ziemt. Der Verstorbene, ein reicher Gutsherr, war seit langem gebrechlich und musste von seiner noch jungen Ehefrau gepflegt werden, der Pfarrer gibt am Grab das sittliche Maß vor. Der Erzähler der Geschichte rafft dessen Worte zusammen und schließt:

Er redet endlich von dem zerschlagenen Herzen der Witwe und ruft den an, der trocknen kann aller Verlassenen Tränen...“ (S. 8)

Doch das Herz der noch jungen Raudup-Wirtin ist quicklebendig. Auch ihre Tränen wollen einfach nicht fließen. Sie muss hinter einem Tuch schamvoll ihr trockenes Gesicht verbergen. Sie hat gerade ihren Ehemann, einen Greis und Gutsherrn beerdigt. Siech war er dazu, pflichtgemäß pflegte sie ihn, doch in der Öffentlichkeit darf sein Tod nicht ihre Erlösung bedeuten. Überhaupt nehmen es die lettischen Dörfler mit den christlichen Gepflogenheiten locker. Wieso sollten Hinterbliebene eigentlich stöhnen und jammern, wenn dem Verblichenen gerade das Paradies winkt? Der Tote selbst wollte, dass das deutsche Wort „Trauer-Feier“ seinen ganzen Sinn entfaltet: Es soll wie bei einer Hochzeit gefeiert, Branntwein getrunken und getanzt werden. Und die Anwesenden tun es ausgiebig. Der Humor der lettischen Dörfler macht vor dem Tod nicht halt. Psychologisch bedeutet so mancher Scherz das Schlupfloch vor zu strenger Sitte. Die versammelten Trauergäste begrüßen sich im Scherz, im Ernst wäre Folgendes unerhört:

„„Sterbet nicht, sterbet nicht, auf dem Friedhofe ist kein Raum mehr!“ sprechen sie zu den Jungen; „sterbet, sterbet, noch ist Raum auf dem Friedhofe“, zu den Alten, welche nicht mit auf dem Kirchhofe gewesen sind und schlagen sie mit den Reisern. Die Schlagenden und die Geschlagenen lachen.““ (S. 15)

Nur lachend lässt sich die Wahrheit vertragen, im Ernst ist und bleibt in dieser Novelle vieles in vielfachem Wortsinn „unerhört“. Tatsächlich kann sich der Leser auf eine unerhörte Begebenheit freuen. Es wird sich eine unterlassene Hilfeleistung ereignen, die eigentlich ein Mord ist und ich, der ich den Ausgang der Geschichte bereits kenne, kann sogar versichern, dass es sich um einen besonders schäbigen Mord handeln wird, aus wahrhaft niedrigen Beweggründen. Spannender und vergnüglicher kann es in einer Novelle kaum zugehen, in jener Prosaform, die dem Drama verwandt ist. Blaumanis schrieb nur kürzere Erzählungen. Er skizziert bei Figuren und Szenen nur in wenigen Worten das Notwendige und malt nicht lang und breit und allzu häufig auch langweilig wie so mancher Romanschreiberling. Das lässt Platz für unterschiedliche Deutungen. Die Leser werden die Leerstellen des Textes mit eigenen Vorstellungen füllen und dabei zu unterschiedlichen Wertungen kommen. So gesehen ist es ein recht moderner Text. Unerhört ist notwendigerweise auch das Ungesagte. Dies ist das zentrale Thema dieser sich dramatisch steigernden Geschichte eines Liebeswahns.

Der dramatische Konflikt wird zu Beginn in dieser ausgelassenen Trauerfeier so nebenbei vorbereitet, als die 34jährige Wirtin den schmucken, noch deutlich jüngeren Dorf-Adonis Kahrl zu sich und ihrem Sohn in die Kutsche bittet:

Aber in den Wagen der Wirtin gibt`s Platz für drei, und so fahren sie alle drei zusammen. Unterwegs schlummert das Kind ein. Die Raudup-Wirtin spricht. Sie spricht ein wenig mehr und lebhafter, als es sich für eine Witwe mit zerschlagenem Herzen ziemt. Kahrl hört zu, schweigt und gähnt zuweilen. Das, wovon die Wirtin spricht, ist ihm bereits alles bekannt.“ (S. 12)

Unerhörtes weiß die reiche Witwe nicht zu sagen. Es bleibt aus den Gesprächen verbannt. Es ziemt sich für eine Dame nicht, Unerhörtes zu formulieren, Erotisches gar, noch vor der Zeit, als Theodor Fontanes Effi Briest die preußischen Leserinnen verzückte. Und so verschleiert die Wirtin, deren Vorname der Leser nie erfährt, Begehren hinter faden Worten. Das wird ihr nicht helfen, das wird nur ihre Leidenschaft bis zur Raserei mehren und zur Katastrophe führen. Auch jetzt wären offene Worte schmerzhaft, denn der Leser wird an späterer Stelle erfahren, dass Kahrl ihre erotischen Gefühle nicht erwidert. Doch noch könnte die Wahrheit das Schlimmste verhindern, könnte der Raudup-Wirtin lediglich eine kummervolle Nacht bereiten. Statt dessen wird das nicht Geäußerte in ihr weiter glühen, wie Lava in einem Vulkan, der explodieren wird.

Auch eine Großherrnwitwe hat es schwer im Patriarchat. Das Gesinde will ihre neue soziale Stellung als Befehlshaberin über Hof und Landgüter nicht recht akzeptieren. Der Erzähler dieser Novelle, von Blaumanis geschickt konstruiert, erweist sich für den Leser als unsicherer Kantonist. Was soll man von seinen Wortwiederholungen am Anfang des Folgenden halten? Betont dieses Stilmittel tatsächlich nur die vergeblichen Mühen der missachteten Gutsherrin? Oder ist bereits Ironie im Novellen-Spiel, weil sich die Raudup-Wirtin eine Begründung zurechtlegt? Schaden tut der Eigensinn der Knechte jedenfalls nicht, wie der Leser an späterer Stelle erfährt, Flachs bringt auch im Gerstenland reichlich Ernte.

„„Gross, sehr gross ist die Wirtschaft im Raudup-Gesinde, schwer, sehr schwer fällt es der Raudup-Wirtin, ohne Wirten derselben vorzustehen. Geht sie aufs Feld, um nachzuschauen, was die Knechte treiben, faulenzen zu Hause die Mägde; arbeitet sie bei den Mägden zu Hause, faulenzen draussen die Knechte. Und wenn sie bloss faulenzten! Aber die Unvernünftigen säen den Flachs in das Gerstenland und die Gerste in das Flachsland und den Buchweizen dort, wo die Kartoffeln gesteckt werden sollten, und vernichten die von dem Verstorbenen so streng eingehaltene Ordnung in der Saatfolge. Wenn das aber der Wirtin nicht in der Ordnung scheint und sie ein Wort darüber fallen lässt, so erhält sie die Antwort: „Der Wirt tat es auch so, der Wirt wollte dies und das genauso tun.“ Und die Raudup-Wirtin, welche sich früher um die Feldwirtschaft so gut wie gar nicht gekümmert hat, muss schweigen und glauben...““ (S. 23)

Ein Hinweis darauf, den Patriarchenwillen besser auszuführen, genügt. Noch aus dem Grab bringt er weibliche Machtgelüste zum Schweigen. Und er wird recht behalten, die Ernte wird auch mit Buchweizen im Kartoffelfeld wie eh und je gelingen. Es spricht einiges dafür, den Erzähler für einen Schelm zu halten. Denn was der Alleinstehenden vor allem schwerfällt, ist die Keuschheit. Dies öffentlich zu bekennen ist im allzu gesitteten Dorf freilich nicht möglich. Also muss eine unromantische, sozialökonomische Begründung her, um Ehegelüste in der Öffentlichkeit zu rechtfertigen. Die hohe soziale Position vermehrt ihre erotischen Chancen. Die siebzehnjährige Effi Briest musste mit dem schlafen, den ihr die Eltern vorsetzten. Die Macht der Raudup-Wirtin reicht zwar nicht, das Gesinde zu befehligen, doch ihr sozialer Rang eröffnet ihr im Patriarchat eine unerhörte Möglichkeit, nämlich selbst die Initiative zu ergreifen, selbst unter Männern auszuwählen, sogar unter weitaus jüngeren. Die Auswahl des Liebesobjekts steht sonst nur dem „starken“ Geschlecht zu. Sie, die Raudup-Wirtin, ist - sozialökonomisch betrachtet - eine hervorragende Partie. Sie könnte ihre Chancen nutzen, um ihren Reichtum zu mehren und sich mit ihresgleichen zu vermählen. Doch ihr steht der Sinn nach einem im Sozialranking weit unter ihr Stehenden, nach Kahrl, dem Schornsteinfeger, dem vermeintlichen Glücksbringer. Ihr Pech ist es, dass Kahrl ähnlich tickt wie sie selbst: Auch ihm ist Erotisches wichtiger als sozialökonomische Optimierung. Beide sind Liebesromantiker.

Blaumanis-Denkmal in Riga

Denkmal für den Schriftsteller in Riga, Foto: Edgars Košovojs auf Wikimedia Commons, Lizenz

 

Die Figur der Raudup-Wirtin ist wahrhaft bedauernswürdig. Kaum ein Leser wird sich in ihrer allzu egoistischen Glückssucht einfühlen wollen. Sie wird nicht wie das tragische Liebesobjekt Effi Briest verehrt. Zu selbstsüchtig und satirisch wird sie vom Erzähler karikiert. Als sie in der Kutsche Kahrl näherkommt, schlummert ihr Söhnchen Matihs ein. Der Schlaf ist der kleine Bruder des Todes. Sie wird später befriedigt zuschauen, wie ihr Kind in den Brunnen fällt. Die idiomatische Wendung ist buchstäblich genommen, tatsächlich bereitet diese Untat auch der unglücklich Liebenden den Untergang. Der kleine Matihs ist ein Ärgernis. Er ist behindert, kann nicht gehen. Er droht, zum nächsten Pflegefall zu werden, der ihrem Glück im Weg steht. Und Kahrl gibt ihr allen Grund für diese Vermutung. Seine Lüge und Selbstverleugnung begründet ihre Raserei und macht sie zur Verbrecherin, denn als die Wirtin ihn besucht, um ihre Heiratswünsche zu offenbaren, verschweigt er, dass er sich längst einer jüngeren und ärmeren Braut verbunden fühlt. Deren Vater fordert von ihm einen Brautpreis, den er zu dieser Zeit noch nicht aufzubringen weiß. Erst eine spätere Erbschaft wird ihn in den Ehe-Stand versetzen. Doch öffentliches Werben ohne die finanziellen Voraussetzungen zu erfüllen, das wäre sogar für einen Mann, der für seine erotischen Vorlieben Ernährerpflichten zu erfüllen hat, zu töricht. Daher muss er seine geheime Liebesbeziehung verschweigen. Statt dessen erfindet er eine verhängnisvolle Ausrede, er leugnet vor der Raudup-Wirtin, dass eine andere Frau im Spiel ist, verleugnet gar sein Gutmenschentum. Die zu geringe Attraktivität der Werberin gesteht er nur halbherzig, so dass es die Liebestolle überhören kann:

„„Du hälst mich wohl zu alt für dich?“

Zu alt? Ach was, ich werde ja auch einmal alt werden.“

Nun denn wahrscheinlich für zu hässlich?“

Das auch nicht. Mir erscheinst du gar nicht so übel.““ (S. 41)

Statt dessen spricht dieser Schornsteinfeger verhängnisvolle Worte, denn der „wahre“ Grund sei:

ich mag nicht Stiefvater sein“ (S. 43)

und erläuternd:

Der wahre Grund ist der, dass das Gesinde, in dem du mich zum Wirten zu machen versprichst, nicht dir, sondern dem kleinen Matihs gehört...“ (S. 44)

Was soll diese bizarre Rede bedeuten? Fürchtet Kahrl die Konkurrenz des kleinen behinderten Matihs um die Vorherrschaft auf dem Gutshof? Sorgt er sich darum, dass er selbst keinen Erbnachfolger für die beträchtlichen Ländereien in die Welt setzen kann? Das klingt nach schlechter Ausrede und so ist es auch. Tatsächlich besteht ein inniges Verhältnis zwischen Matihs und ihm. Er trägt den Kleinen, bringt ihm Spielsachen mit, beruhigt und tröstet ihn. Und Matihs erwidert diese Zuneigung. Die Mutter pflegt ihn hingegen nachlässig, weist ihn von sich, wenn sie ihm doch mal Bonbons schenkt, will Matihs trotzig keine haben. Herzlich wird es nur, wenn das Söhnchen ihre Eitelkeit befriedigt. Als sie sich vor dem Spiegel für Kahrl herausputzt, meint ihr Nachwuchs:

„„Jetzt bist du hübsch“, spricht das Kind, die Wirtin anblickend, welche sich endlich angekleidet hat. „Bin ich?“ ruft die Wirtin aus und sieht noch einmal in den Spiegel. Sie lacht vergnügt. Und zur Tür gehend, beugt sie sich zu dem Kinde nieder und erlaubt ihm die Zipfel ihres Kopftuches zu befühlen.““ (S. 32)

Nach der enttäuschenden Unterredung mit Kahrl ändert sich ihr Verhalten. Nun betreut sie ihren Sohn scheinbar nachsichtiger und freundlicher. Doch die Nachsicht ist berechnet, in Wirklichkeit nur mangelnde Aufsicht in der Hoffnung, dass Mathis etwas zustößt. Ein Traum offenbart ihr das ersehnte Glück. Sie träumt von einem kleinen weißen Sarg, in dem Matihs liegt. Dann wäre sie frei für den Umschwärmten, ein wahrhaftiger Traummann:

Am Fenster jedoch - an derselben Stelle, wo er damals sass, als er mit ihren Vormündern bei ihr zum Besuch war - sitzt Kahrl und sieht so schön, so kräftig, so männlich aus und lächelt und winkt der Wirtin mit der Hand. Und mit einem Freudenrufe stürzt die Frau in seine Arme, umfasst die herrliche Gestalt und küsst die roten Lippen mit heissem Mund...“ (S. 48)

Blaumanis-Bücher-Präsentationstisch

Einige Blaumanis-Publikationen, die im März auf einem Seminar in Riga präsentiert wurden, Foto: LP


Wie armselig steht es dagegen um ihren kleinen Krüppel. Ihr Gedankengemisch aus Selbstmitleid, Selbstgerechtigkeit, Überheblichkeit und Neid rechtfertigt seinen Tod:

„„Soll ich dieses Krüppels wegen mein Glück verlieren?“ so spricht die Raudup-Wirtin bei sich selbst. „Habe ich nicht lange genug am Siechbette meines Mannes gehockt und ihn gepflegt, soll ich mein ganzes Leben als Krankenwärterin verbringen? Nein, das will ich nicht. Weshalb soll ich das tun? Bin ich schlechter als andere Frauen? Andere leben im ununterbrochenem Glück und Frohsinn, und ich soll sogar gegen das Alter hin nicht zu Glück und Freude gelangen und nicht lieben dürfen. Meinen ersten Mann konnte ich nicht lieben, Kahrl würde ich lieben ... Ach, ich liebe ihn unaussprechlich!““ (S. 53)

Hier präsentiert sich nicht das absolute Böse, sondern eine verzweifelt Liebende, die sich unter dem Druck der Verhältnisse nicht anders zu helfen weiß. Die patriarchalische Gesellschaft ignoriert die Gefühle der Frau. Sie hat ihre Rolle zu spielen und das gelingt ihr bis zur Mordtat noch recht gut. Im Vergleich zum Übermenschen Kahrl verliert ein Krüppel wie Matihs sein Lebensrecht. Blaumanis beschreibt, wie Nietzsches Umwertung der Werte die Moral pervertiert. Die Gedanken der Wirtin nehmen die Euthanasiepropaganda der Nazis vorweg:

Ach, welch ein Unglück! Weshalb stirbt dieses Kind nicht! Es ist doch nur mir und sich selbst zur Last und zum Kreuz! Weshalb nimmt der Tod dieses Kreuz nicht von mir! ... Ich werde es noch abschütteln. Ich kann ohne Kahrl nicht mehr leben... Wenn das Kind nicht bald stirbt, dann kann noch ein Unglück geschehen... Natürlich, kann denn das eine Sünde sein? Keinen Krüppel auf der Welt sollte man leben lassen. Wer hat davon etwas Gutes? Wer hat davon etwas Gutes, wenn der kleine Matihs lebt? Kein Mensch, gar keiner... Wenn er aber stirbt, so macht er mich glücklich, und darum sollte er sterben. Ich stürbe auch gern für ihn, wenn ich ihn durch meinen Tod gesund und glücklich machen könnte, aber ich kann es nicht. Mein Tod nützt ihm nichts, wohl aber der seinige mir...“ (S. 54)

Himmler hätte es nicht trefflicher formulieren können. Es ziemte sich nun, in den Bücherregalen nach Nietzsche-Zitaten zu kramen. Dazu fehlt mir Zeit und Lust. Es genügt wohl die Anmerkung, dass sich hier eine Anti-Ethik ausbreitet als Reaktion auf christliche Prüderie und auf eine unbehagliche Kultur, wie Sigmund Freud sie beschrieben hat. Diese Dorfgesellschaft wird den erotischen Bedürfnissen des einzelnen nicht gerecht. Sie sind vollständig aus dem Diskurs verbannt. Erotische Absichten müssen ökonomisch getarnt werden. Das führt zu verhängnisvollen Fehleinschätzungen. Die Raudup-Wirtin sieht befriedigt zu, wie ihr Kind tödlich im Brunnen verunglückt. Erst dann fällt sie aus der verordneten Rolle. Zunächst hofft sie, dass nun das vermeintliche Hindernis beseitigt ist und Kahrl sie in die Arme schließt. Dies geschieht nicht und sie stellt ihn zur Rede. Als sie ihre Leidenschaft offen ausspricht, sind die Diskurstabus gebrochen. Das Liebesgeständnis erfolgt, auch wenn die Worte fehlen, der Diskurs der Sittsamkeit noch nachwirkt:

Wenn du wüsstest, wie sehr ich dich liebe! Ich kann es dir gar nicht sagen!...“ (S. 68)

Es zeigt sich in dieser tragischen Aussprache, dass Kahrl seine Ausrede, er habe des kleinen Matihs` wegen von der Wirtin nichts wissen wollen, schon fast vergessen hatte. Er nennt nun, viel zu spät, den wahren Grund der Abweisung. Die Leidenschaft der Wirtin entfacht jetzt vollends. Ihre Suiziddrohung wird von ihm als Albernheit abgetan. Er warnt sie, dass Dörfler ihre Szene beobachten. Doch sie ist nun von Tabus befreit und nimmt keine Rücksicht mehr auf sittliche Gebote. In der Sprache Freuds formuliert: Das „Es“, die natürlichen, unzivilisierten Bedürfnisse liegen nun frei, werden von keinem autoritären „Über-Ich“, das zivilisiertes Betragen fordert, unterdrückt. Dörfler Kahrl kann diese Offenheit nicht ertragen. Er bannt sie als „tolles Weib“, das er mit dem Satan im Bunde sieht. Doch er unterschätzt ihre Kräfte. Die Raudup-Wirtin ist von fesselnder Sitte entbunden. Sie verwandelt sich in eine vitale Kraftnatur, die stärker ist als Kahrl, der eingeschüchtert am gesellschaftlich verordneten Rollenspiel festhält. Sie vermag, seine Hand wie eine Zange zu quetschen und in ein Waldstück zu zerren. Nun bestimmt sie die Sprache. Auf seinen ökonomischen Vorschlag, ihr an seiner Stelle ein halbes Dutzend Männer einzukaufen, verbittet sie sich das gesittete Sprechgewäsch und entgegnet:

„„Was sagtest du da?“ zischt sie, und ihre Augen sprühen grünliche Blitze, „was wirst du mir kaufen? Musst du so zu mir sprechen? Weisst du, dass ich dich jetzt wie einen Hund erwürgen kann - du Schuft... Weshalb belogst du mich? Weshalb sagtest du mir nicht gleich, dass du eine andere Braut hast? Weshalb redetest du von dem Jungen, wo du von deiner Marija reden solltest?“" (S. 74)

Solche offenen Worte kann die Dorfgesellschaft nur als Wahn verbuchen. Die Mutter wurde aus Liebe zur Mörderin des eigenen Sohnes. Das Unaussprechliche ist geschehen. Die Verbrecherin wird es mit dem Selbstmord büßen. Alles zu groß für ein kleines Dorf. Und so nimmt die Menge keine Notiz von den Tatsachen und redet sich die Dinge, vom Erzähler ironisch formuliert, als Unglück zurecht, eine große Staubwolke verdeckt die Wahrheit:

Ja, die Raudup-Wirtin. Inmitten der riesigen Menschenmenge liegt sie leblos auf der Strasse da. Ihren zerschmetterten Kopf hält ein Marktwächter auf seinem Schoss und netzt ihn mit dem aus dem nahen Flusse eiligst herbeigeholten Wasser. Wer kann berichten, wie das Unglück geschah? Die einen sagen, dass es ihre eigene, die anderen, dass es des Fahrenden Schuld sei... Eine große Staubwolke hatte sich erhoben, ein Mann mit einer schweren Lade in einem zweispännigen Wagen war vom Marktplatze weggefahren, die Raudup-Wirtin war im selben Augenblick über die Straße geeilt - und als der Staub sich verzogen, hatte die Wirtin auf der Strasse gelegen mit zerschmettertem Kopf...“ (S. 78)

Die unverträgliche Wahrheit hat keinen Platz, sie muss verhüllt bleiben, damit der trügerische Dorffrieden gewahrt wird. Der Erzähler skizziert satirisch die scheinbare Idylle, wo der Frauenklatsch und -tratsch stets beflissen ist, den sittsamen Diskurs zu wahren, zu festigen und fortzuschreiben:

Und die Zungen der Frauen und alten Mütterchen regen sich ebenso geschäftig wie diejenigen der Mädchen. Alles geschieht genau so, wie es an dieser selben Stelle im vergangenen, im vorvergangenen und vorvorvergangenen Jahre geschah...“ (S. 76)

Die Beerdigung der Raudup-Wirtin rundet den tödlichen Kreis ab. Dann folgt eine Strichlinie und doch noch eine Fortsetzung mit Happy End: Kahrl heiratet seine Marija. Sie werden ein glückliches Paar. Doch sie bemerkt, dass ihn etwas belastet. Er gesteht seinen Anteil am Schicksal der Wirtin und ihres Sohnes. Endlich erzielt die Wahrheit doch noch eine gute Wirkung. Zunächst ist auch Marija von dieser dramatischen Geschichte erschüttert. Doch die Wahrheit befreit das Paar. Sie zeugen schließlich einen Sohn, den sie Matihs nennen.

***

Das Büchlein mit der Geschichte der Raudup-Wirtin vermachte mir ein lettischer Historiker. Lag Kalkül darin, mir eine Ausgabe zu überreichen, die ausgerechnet 1941 in Riga erschien? Monatsangaben sind bei Buchveröffentlichungen nicht verzeichnet. Wurde es vor oder nach dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht im Juni 1941 veröffentlicht? Wer brachte dieses Buch heraus? Wie interpretierten Nazis Blaumanis` Novelle? Aus heutiger besserwisserischer Sicht gelesen verhieß ihnen Blaumanis, der bereits vor dem Ersten Weltkrieg gestorben war, die Zukunft: Der Herrenmensch sah sich von den Untermenschen, Juden und Krüppeln dieser Welt bedroht und gefesselt. Nur ihre Liquidierung bedeutete ihm freie Entfaltung. Er nahm sich das Recht, „lebensunwertes Leben“ zu vernichten. Als die Welt, die es zu erobern galt, ihn dafür weder liebte noch dankte, blieb ihm nur der Freitod. Unter welchen Bedingungen die Raudup-Wirtin 1941 den Deutschen erschien, lohnt der weiteren Recherche.

 

Die Zitate wurden folgendem Buch entnommen:

Rūdolfs Blaumanis, Die Raudup-Wirtin, Übersetzt aus dem Lettischen vom Autor, Riga 1941

 

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