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Münster, 14.12.2018
Der lettische Dichter Imants Ziedonis ist tot PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Freitag, den 01. März 2013 um 00:00 Uhr

„Furchtbare Leere zwischen „ja“ und „nein“ gestellt.

Diese Leere zwischen plus und minus.

Und warum bin ich hier auf dieser Welt,

warum und wofür ist es, daß ich kämpfen muß?“ *

Am Mittwochabend, dem 27.2.13, meldeten es die lettischen Nachrichtenportale: Der meist gelesene Lyriker lettischer Sprache ist im Alter von 79 Jahren gestorben. Ziedonis veröffentlichte seit 1961 insgesamt 16 Gedichtbände und weitere Bücher mit lyrischer Prosa und Märchen. Zwei seiner Werke wurden unter den Titeln Wegerichblätter und Farbige Märchen ins Deutsche übersetzt. Journalisten, Schriftsteller und Künstler erinnern sich nun an ihren sympathischen Kollegen und loben seine Dichtung. Die Werke Es ieeju sevī/ Ich gehe in mich , Taureņu uzbrukums/ Angriff der Schmetterlinge und Epifānijas I und II wurden in den offiziell bestimmten Lettischen Kulturkanon aufgenommen - in einer Reihe mit Werken literaturgeschichtlich bekannter Autoren wie Jānis Reinis, Rūdolfs Blaumanis oder Jānis Jaunsudrabiņš.

 

„Weil das, was man bekommen,

zu gar nichts taugen kann,

und das, was taugt, ist dann

so ungenügend wie nur irgendwann.“ **


Kämpfer für ein unabhängiges Lettland

Ziedonis wurde am 3.5.33 im Fischerdorf Ragaciems geboren. Er besuchte in Tukums die Mittelschule, die zur Hochschulreife führt und absolvierte anschließend ein Fernstudium der LU-Fakultät für Geschichte und Philologie. Als 1961 sein erster Gedichtband Zemes un sapņu smilts/ Sand der Erde und der Räume erschien, wurde er in den lettischen Schriftstellerverband aufgenommen. Bis 1964 studierte er am Maxim-Gorki-Institut in Moskau. Sein Arbeitsleben begann der werdende Schriftsteller als Straßenbauer, dann als Lehrer in Olaine, Ķemeri und Jūrmala, später als Bibliothekar und schließlich war er bei der Zeitschrift Liesma für die Auswahl der Gedichte verantwortlich. Ziedonis erhielt schon in der Sowjetzeit viele Auszeichnungen. Damals trat er der Kommunistischen Partei bei. Doch er engagierte sich früh für ein unabhängiges Lettland. 1987 war Ziedonis Mitbegründer und erster Vorsitzender des Lettischen Kulturfonds. 1990 ließ er sich als Abgeordneter der Lettischen Volksfront in den lettischen Höchsten Sowjet wählen und stimmte am 4. Mai des Jahres für die lettische Unabhängigkeitserklärung. Ein Jahr später verabschiedete er sich wieder aus der Politik.

 

„Hinter Waldeswipfeln sinkt die Sonne und vergeht,

Und die ganze Erde stürzt irgendwo ins All.

Wie ich falle, wie ich

ununterbrochen falle,

euch kann ich es nicht berichten, meinen Fall.“ ***

 

Vom Eindeutigen zum Vieldeutigen

Regisseur Alvis Hermanis, der auch im deutschsprachigen Raum dem Bühnenpublikum bekannt ist, führte vor einigen Jahren das Schauspiel Ziedonis un Visums/ Ziedonis und das All in Riga auf. Er wies mit folgendem Gedanken auf das Weltbürgertum des Vestorbenen hin: Wenn man sich theoretisch vorstelle, dass auf lettischem Boden eine Fliegende Untertasse mit Außerirdischen landete, die sich friedlich mit einer Person aus unserer Mitte treffen möchten, dann wäre dieser Botschafter der Letten ohne Zweifel Ziedonis gewesen. Literaturkritiker Guntis Berelis hat auf literature.lv die Bedeutung von Ziedonis` Werk beschrieben. Demnach erfolgte die Entwicklung zum außergewöhnlichen Dichter bereits in den 60er Jahren, als sich Ziedonis vom naiven Fortschrittsglauben verabschiedete und begann, existenzialistisch das eigene Ich zu ergründen: „Mit dem Titel des Bandes "Ich gehe in mich" (1968) kann man gewissermaßen die Veränderungen beschreiben, welche in der gesamten lettischen Dichtung seit Mitte der 60er Jahre bis zum Ende des Jahrzehnts erfolgte: Vom sozialen oder ethischen Maximalismus zur Selbstanalyse, von progressiver Apologetik zu Reflexionen über ewige Themen, von kategorischen und eindeutigen Behauptungen zur umfassend vieldeutigen Ironie und Denken in paradoxen Kategorien."

„Als ob vom Wipfel dort,

letzte verwaiste Blätter der Wind entführt.

Jemand dich streicheln wollte,

doch ging fort...

und hat dich nicht berührt.“ ****

 

Die Ziedonis-Strophen sind aus dem deutsch-lettischen Gedichtband Rīga ūdenī/ Riga im Wasser entnommen.

 

Bibliographische Angaben:

Gundega Zēhauza u.a., Riga im Wasser, Auswahl lettischer Lyrik, Riga 2004 (ISBN: 9984720667)

* Strophe aus dem Gedicht „Zweifel“, S. 183

** Strophe aus dem Gedicht „Es fehlt an nichts“, S. 191

*** Strophe aus einem Gedicht ohne Titel, S. 187

**** Strophe aus einem Gedicht ohne Titel, S. 189

 

Externe Linkhinweise:

literature.lv: Imants Ziedonis`Gedichte in deutscher Übersetzung

literature.lv: Imants Ziedonis portrets (Guntis Berelis)

la.lv: "Atlaid, Zemes māte, manu dvēseli pastaigāties..."

 

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