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Münster, 21.11.2018
Haus Annaberg in Bonn: Vom Lustschloss zur baltischen Begegnungsstätte PDF Druckbutton anzeigen? E-Mail
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Sonntag, den 23. Januar 2011 um 16:16 Uhr

Von der S-Bahnstation pilgere ich durch Friesdorf die Annaberger Straße entlang, gen Westen, dann immer gerade aus. Friesdorf ist ein stiller Bonner Vorort, genauer Zwischenort, zwischen dem Bonner Zentrum und Bad Godesberg, am Fuße des Kottenforsts, dem bewaldeten Naturschutzgebiet, das Adenauers ehemaligen Regierungssitz zur Eifel abgrenzt. Ich schaue auf die Hausnummern und ahne, dass es bis zur Nummer 400 noch ein Weilchen hin ist. Zuletzt steigt die Straße an, schlängelt sich an einem Bach vorbei. Schon beschaue ich die kleinen Wohnhäuser des Viertels von oben. Ob hier im Wald noch eine Hausnummer kommt? Schließlich schimmern Wände und Fenster durch das Geäst – noch zwei Kurven und ich befinde mich auf einer Lichtung. Das Gemäuer darauf könnte auch in Davos stehen: Es ist ein Schlösschen im historistischen Stil, das an den Zauberberg erinnert. Hans Castorp, die Figur aus diesem Thomas-Mann-Roman, konnte bekanntlich gar nicht mehr von dieser Stätte lassen. Der Annaberg ist eine ähnlich abgeschiedene multikulturelle Welt, macht aber – im Unterschied zur Romanvorlage – nicht lungenkrank. Andrejs Urdze empfängt mich. Er verwaltet die Institution Annaberg, die Tagungshaus, Herberge und Studentenwohnheim nicht nur für Balten ist. Urdze lädt mich in sein Wohnzimmer im unauffälligen Privathaus hinter dem historistischen Gemäuer. Über die wechselvolle Geschichte dieser bönnsch-baltischen Anhöhe weiß er so manches zu erzählen.

Auch im Winter lockt das Haus Annaberg mit feudalem Zauber, Foto: www.annaberg.de

 

 

Ein protestantischer Pfarrer in katholischen Gefilden

Andrejs Urdzes geräumiges Wohnzimmer erhellen Panoramafenster. Man sieht das Tagungs-Schloss und die Bäume des weiter ansteigenden Hügels. Der Deutschlette erhält zwischendurch Anrufe. Interessierte erkundigen sich nach Preisen, Ausstattung und freien Terminen. Die Räume werden vielfältig genutzt. Estnische Familien, litauische Senioren, lettische Freunde der Literatur aus ganz Deutschland und den benachbarten Staaten kommen regelmäßig in diesem baltischen Haus zusammen. Brautpaare schätzen die abgesonderte Idylle. Urdze verzeichnet monatlich ein bis zwei Hochzeitsfeiern. Zwei Dutzend Autos parken auf dem Hof. Schulleiter der Region tagen hier gerade. Der Verwalter des Annabergs legt keinen Wert auf Prunk. Seine Wohnung ist gemütlich, auch ohne modischen Schnickschnack. Bücherregale bedecken die Wände. Urdze ist studierter Soziologe und stammt aus einem protestantischen Pfarrhaus. Sein Vater Jazeps war einst lettischer Pfarrer in einer evangelischen Gemeinde im katholischen Litauen. Das Gefühl, zwischen den Fronten zu stehen, wurde auch dem Sohn zu eigen. Im Zweiten Weltkrieg musste die Pfarrerfamilie die Sowjets fürchten, die Intellektuelle nach Sibirien verfrachteten. Die Urdzes flohen nach Pommern, sie konnten sich auf ihre deutschen Vorfahren berufen. Jazeps Urdze hatte sich in den Kopf gesetzt, auch im Exil das christliche Leben der Balten zu organisieren. 1947 gründete er den Baltischen Christlichen Studentenbund e.V., der an deutschen Universitäten Bibelstunden und religiöse Konversationen ausrichtete. Für seinen Verein suchte er 1949 ein Zentrum. Am Rande des Flugplatzes im rechtsrheinischen Bonn-Hangelar fand er ein erschwingliches Grundstück, auf dem sich eine zerstörte Flugzeughalle befand. Lettische, litauische und estnische Studenten kamen zusammen, um das zerstörte Gebäude als Wohnheim wieder herzurichten. Sie nutzten die renovierten Mauern nicht nur als Herberge. „Zu keiner Zeit bildete der Baltische Christliche Studentenbund eine so enge und tiefe Gemeinschaft wie in Hangelar“, schrieb Sohn Andrejs über diese Zeit. Doch dieses Glück währte nur wenige Jahre. 1952 beanspruchte der westdeutsche Staat das Gelände, um dort Kasernen für den Bundesgrenzschutz zu bauen. Der Studentenbund erhielt 50.000 DM Entschädigung und Vater Jazeps begab sich wieder auf Immobiliensuche.

 

Reich gewordene Industrielle nahmen sich im 19. Jahrhundert Schlösser zum architektonischen Vorbild, Foto: www.annaberg.de


Vom Lustschloss zur christlichen Tagungsstätte

Zu Anna, der Mutter Marias, flehte bei Stotternheim Jura-Student Martin Luther, als ihn die himmlischen Blitze in Todesangst versetzten und er der Heiligen versprach: „Hilf du, heilige Anna, ich will ein Mönch werden!“ Anna ist eine vielbeschäftigte Heilige. Sie hütet ganze Städte und Regionen. Sie ist zudem Patronin vieler Berufsgruppen, unter ihnen auch der Bergleute. Diese arbeiteten noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts hier am Rande des Kottenforsts, um nach Braunkohle zu graben und Tonerde für die Alaunproduktion zu fördern. Gott scheint die in allen Lagern verehrte Anna für die christliche Ökumene geschaffen zu haben. Pfarrer Jazeps Urdze hatte eine neue Ruine ins Auge gefasst. Sein Blick richtete sich auf die Hügel oberhalb von Friesdorf. Für 200.000 DM konnte er das im Krieg stark beschädigte Schloss des Grafen von Westerholt - Annaberg kaufen. Ursprünglich gehörte der Bau aber keinem Adeligen, sondern fungierte als Sommer-Residenz eines Zuckerfabrikanten. Er ließ sie um 1900 errichten, mit historistischer Fassade, aus Säulen, barocken Balkonen, einem Türmchen und Erkerchen. Prunkvoller Mittelpunkt bildet der große Kaminsaal. Hier lud der Karies-Produzent Seinesgleichen zum Gelage. Nach seinem Tod wurde nun ein echter Graf Besitzer. Im Zweiten Weltkrieg traf eine Brandbombe den Annaberg und zerstörte große Teile des Gebäudes. Das überforderte den Adeligen finanziell. Zunächst war der Graf wenig geneigt, sein Anwesen Urdze und seinem Studentenbund zu veräußern, doch schließlich konnte er es doch dank Vermittlung eines deutsch-baltischen Barons erwerben. Damit zeigte Jazeps Urdze unternehmerische Risikobereitschaft, denn er musste nun einen ziemlich hohen Kredit aufnehmen. Und wieder errichtete er mit der Hilfe seiner christlichen Studenten eine Stätte, wo diese preiswert wohnen und Gäste tagen oder übernachten konnten. Jazeps Urdze starb 1985, Sohn Andrejs übernahm danach die Leitung.

 

Das Haus Annaberg hat eine parkartige Umgebung, in der sich trefflich feiern lässt, Foto: www.annaberg.de

 

Die ständige Vertretung der Balten in Bonn

Andrejs Urdzes Alltag ist abwechslungsreich. Er betätigt sich als Handwerker, der Wasserleitungen repariert, leitet ökumenische Tagungen des Studentenbundes, organisiert die Buchungen von Gruppen und Einzelpersonen, ist Arbeitgeber des Küchenpersonals und Herbergsvater. Manchmal betätigte er sich auch als Politiker und Diplomat seiner Heimat. Als noch Gorbatschow die Sowjetunion regierte, war der Annaberg so etwas wie die Bonner Botschaft der noch okkupierten Balten. Ende der achtziger Jahre gastierten hier viele Mitglieder der Volksfront-Bewegungen. Andrejs pflegte Kontakte zur Bundesregierung und zum Parlament unten am Rhein. Allerdings zeigte sich das Bundeskanzleramt gegenüber den Anliegen der Balten ziemlich reserviert. Helmut Kohl verhandelte mit dem sowjetischen Regierungschef über die Wiedervereinigung, da kamen die Forderungen nach nationaler Unabhängigkeit nicht gelegen. Als Godmanis dennoch einmal Kohl traf, legte der Kanzler Wert auf den inoffiziellen Charakter der Begegnung. Nicht einmal die gehisste rot-weiß-rote Flagge galt dem Letten – sie wehte zur Ehre des österreichischen Außenministers. Doch Letten, Litauer und Esten fanden quer durch die deutschen Parteien Unterstützer. Die Deutsch-Baltische Parlamentariergruppe wurde die größte interfraktionelle Vereinigung des Bundestags. Andrejs erinnert sich gerne an Gert Weisskirchen. Der SPD-Abgeordnete ließ es sich nicht nehmen, in brenzliger Zeit, als sowjetische Panzer 1991 das litauische Parlament belagerten, nach Vilnius und Riga zu fahren, um seine Solidarität zu bekunden. Ein mutiger Befürworter der baltischen Unabhängigkeit war auch der CDU-Abgeordnete Stefan Schwarz. Otto Graf Lambsdorff, dessen Familie baltische Wurzeln hat, zeigte sich mit den Balten ebenfalls solidarisch.

 

Gäste schätzen die Kochkunst des Annaberger Küchenpersonals, das die baltische ebenso wie die internationale Küche beherrscht, Foto: www.annaberg.de

 

Wandern zwischen Welten

Der Annaberg blieb ein Posten zwischen den Fronten, für die einen ein Adenauer-Tempel, für die anderen eine Kommunisten-Hochburg, interkonfessionell und multikulturell. Urdze achtet darauf, dass in seinem Wohnheim nicht nur baltische Studenten wohnen. Er hatte in Münster das lettische Gymnasium besucht und dort beobachtet, dass die Exilletten am liebsten unter sich blieben. Seine Institution soll eine Begegnungsstätte zwischen unterschiedlichen Menschen sein. Urdze sieht sich als Grenzgänger, der sich nicht ganz und gar einer Gruppe zugehörig fühlt. Nicht nur baltische Organisationen nutzen das Gelände für ihre Tagungen. Bis vor einigen Jahren veranstalteten Dozenten der Uni Münster hier einen sechswöchigen Intensivkurs, um Lettisch, Litauisch oder Estnisch zu unterrichten. So lernten Hunderte von deutschen Studenten den baltischen Zauberberg kennen und lernten dabei eine der baltischen Sprachen. Leider fand die Studia Baltica im Jahr 2007 ihr Ende. Die Veranstalter hatten keinen neuen Sponsor gefunden, der die Gelder der Robert-Bosch-Stiftung ersetzt hätte. Zwischen den Welten, das bedeutet für Andrejs Urdze natürlich vor allem zwischen Deutschland und Lettland. In seiner Bibliothek finden sich aber auch zahlreiche Reisebücher über andere Länder. Fernweh empfindet er vor allem für Griechenland. So entwickelte sich Ouzo zum Annaberger Hausgetränk. Die wirtschaftliche Misere, in der die Griechen gerade stecken, ist ähnlich heftig wie die lettische. Der Chef des Annabergs sorgt sich um Lettlands Zukunft. Der Sieg des Parteienbündnisses Vienotība unter Regierungschef Valdis Dombrovskis macht ihm etwas Hoffnung. Zwei der drei lettischen Oligarchen haben damit ihren direkten politischen Einfluss verloren. Doch Vienotība muss nun mit der Partei des dritten Oligarchen, Aivars Lembergs, eine Koalition bilden. Urdze hätte eine Zusammenarbeit der Vienotība (Einigkeit) mit dem Saskaņas Centrs (Zentrum der Eintracht, SC) bevorzugt. Diese Fraktion vertritt die Interessen der russischsprachigen Minderheit. Doch ihre Anführer konnten nicht über ihren ideologischen Schatten springen. Dombrovskis wäre bereit gewesen, mit dem SC zu regieren. Aber der lettische Regierungschef hatte eine Bedingung gestellt: Die SC-Politiker sollten anerkennen, dass Lettland bis 1991 nicht freiwillig Bestandteil der Sowjetunion, sondern Okkupationsopfer der Roten Armee war. Das lehnten die Mitte-Links-Abgeordneten des SC nach mehrtägiger Bedenkzeit ab. Auch für seine ursprüngliche Heimat empfiehlt Urdze Grenzüberwindungen und kritisiert die Errichtung neuer Fronten. Das Gesetz, das 2005 russischsprachige Schulen verpflichtete, fortan 60 Prozent des Unterrichts auf Lettisch zu halten, sei viel zu abrupt gewesen. Nun mussten russischsprachige Physiklehrer über Nacht Naturgesetze in mangelhafter lettischer Sprache erläutern. Die Schüler versuchten dann, sich das Gehörte wiederum auf Russisch zu notieren. Das habe viele russischstämmige Schüler gegen Lettland aufgebracht.

 

Tafeln wie die High Society: Im Annaberger Kaminsaal können sich auch Gäste mit kleinem Geldbeutel diesen feudalen Luxus gönnen, Foto: www.annaberg.de

 

Durchfeiern zu Johanni

Jedes Jahr versammeln sich in der Johannisnacht vom 23. auf den 24. Juni zahlreiche Gäste aus dem In- und Ausland, um auf der großen Wiese des Annabergs ja kein Auge zu zudrücken. Denn nach altbaltischem Glauben verschläft jener, der in dieser Nacht nicht wacht, ein ganzes Jahr. Letten, Litauer und Esten feiern ihr großes Fest gemeinsam mit den Deutschen, die auch mal eine baltische Sonnwendfeier erleben wollen. Urdze bereitet den Gästen das große Lagerfeuer, seine Angestellten reichen Speck-Piroggen, frischen Kümmelkäse und Bier. Die ganze Nacht über stimmen die Letten ihre Lieder an, tanzen und springen über das Feuer. Ob auch hierzulande junge Liebespaare im nahen Wald verschwinden, um die Farnblume zu suchen, mag der Leser beim nächsten Mal selbst beobachten. Krank macht der Annaberg bestimmt nicht, aber süchtig schon. Ungern verlässt man das idyllische Gefilde, um in die Niederungen der Stadt zurückzukehren.

 

Externer Linkhinweis:

Webseite des Annabergs

Felsen im Gauja-Park

 

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