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Münster, 20.11.2017
Von Nutz und Frommen des Glockengeläuts PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Freitag, den 03. April 2015 um 00:00 Uhr

Macke-Bild: Straße mit KircheAn den Kar-Tagen schweigen die Kirchenglocken. Den Rheinländern wird erzählt, dass in dieser Zeit die Glocken nach Rom fliegen. Vor vielen Jahren, als der 1. April auf einen Karfreitag fiel, berichtete der WDR einmal, wie am Kölner Dom die Glocken abmontiert und zum Flughafen transportiert werden. Manchen, die zu nahe an einer Kirche wohnen und das Geläut als Lärm vernehmen, ist die Karzeit mehr Erlösung als Passion. Doch diese Leidgeprüften sind vermutlich in der Minderheit. Vielen Gläubigen und Ungläubigen würde etwas fehlen, wenn keine Glocken mehr in der Dämmerung zu hören wären, wenn sie für die Ewigkeit schwiegen. Der melancholische Klang rührt auch so manchen an, den Christliches sonst ungerührt lässt. Der eigenartige Glockenklang appelliert ans Seelische, an Hoffnungen und Verzweiflungen, die auf keinen klaren Begriff zu bringen sind. Den Zwergen einer lettischen Sage behagte das nicht. Sie beschlossen, die benachbarte Kirche zu zerstören, um dem unerträglichen Läuten das Ende zu bereiten. Die kleine Sage enthält nicht unbedingt eine christliche Botschaft, sie erzählt vielmehr vom Widerstreit zwischen Heidnischem und Christlichem, sogar von profanen Geldstücken ist die Rede. Das Ende erscheint so absurd, wie sich uns Erdenmenschen das Weltgeschehen eben darstellt. Vielleicht gefällt der Glockenklang, weil er der menschlichen Klage Töne verleiht, dass dieses absurde Beckett`sche Weltgetriebe, das nur mit grotesker Komik zu ertragen ist, nicht alles sein sollte. Unter "weiterlesen" finden Sie die deutsche Übersetzung der lettischen Sage "Das Geld muss noch 100 Jahre in der Erde ruhen", die, was der Titel nicht verrät, von einer Kirche, ihrer Glocke und einem sonderbaren Mädchen zur Osterzeit erzählt.

Bild: „Straße mit Kirche in Kandern“ von August Macke - Städtische Museen Freiburg. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons.

 

Das Geld muss noch 100 Jahre in der Erde ruhen

Von G. Pols, Gemeinde Galgauska

Bei der Krapa-Schule gibt es einen Grabhügel, darauf stand einmal eine Kirche und unter ihr lebten Zwerge. Denen gefiel es nicht, dass die Kirche sie mit ihrem Glockengeläut nicht in Frieden ließ. So beschlossen sie, das Gotteshaus zu zerstören. An einem Sonntag, zur Zeit, als Gottes Wort verkündet wurde, taten sie das auch. Seitdem sind auf dem Hügel nur noch die Fundamente zu sehen. In der Nähe der zerstörten Kirche befindet sich ein Brunnen. Als ihre Mauern einstürzten, suchte die Glocke in ihm Zuflucht. Um Mitternacht kann man hören, dass im Brunnen die Glocke läutet und wenn man einen Stein hineinwirft, so fällt er nicht auf den Grund, sondern dreht sich im Kreis. Auf der anderen Seite des Hügels ist ein Ort, den sich das Fass mit dem Kirchengold wählte. Einmal hörte dort ein Hirte, der gerade seiner Arbeit nachging, dass das Fass sprach: "100 Jahre lag ich hier, noch hundert muss ich liegen." Dann wälzte es sich über den Weg, der entlang des Grabhügels führte und verschwand in der Erde. Ein Geldstück rollte am Wegesrand, kullerte ein wenig herum und versank ebenfalls im Boden. An der Stelle, wo es verschwand, wuchs ein Rosenstrauch. Ein anderes Geldstück rollte zum Seitengraben und dort, wo auch das im Erdboden versank, wuchs ein Apfelbaum. Am Ostermorgen stand ein kleines Mädchen im weißen Kleid am Fundament der Kirche und befahl Vorübergehende zu sich. Wenn jemand zu ihr ging, dann musste er an ihrer Stelle dort verharren und vermochte sich nicht, von der Stelle zu rühren, bis am nächsten Morgen der Hahn krähte. [deutsche Übersetzung: U.B.]

 

Lettischer Originaltext:

http://pasakas.lfk.lv/wiki/150110033/lv

 

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