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Münster, 18.5.2012
Lettland: Herbststimmung auf der Insel Dole - Das kleine Daugava-Museum lockt mit Überraschungen PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Freitag, den 07. Oktober 2011 um 16:40 Uhr

Daugava_museumDer Wald wird falb, die Blätter fallen,
Wie öd und still der Raum!
Die Bächlein nur gehn durch die Buchenhallen
Lind rauschend wie im Traum,
Und Abendglocken schallen
Fern von des Waldes Saum.

Joseph von Eichendorff, Im Herbst

 

Kaum ein Dichter hat trefflicher beschrieben, was “Seelenlandschaft” bedeutet, und es gibt auf der Welt kaum einen besseren Ort als das reich bewaldete Lettland, um eine solche im Herbst zu erleben. Doch sollte man einen sonnigen Tag erwischen, bei finsterer Bewölkung und Nässe allenthalben zieht es den Wanderer vor “Wehmut wie ins Grab”, wie der Romantiker fortdichtete. Sonnengarantie können Reisebüros für den lettischen Herbst nicht bieten. Doch mit etwas Glück lässt sich die weite Landschaft im goldenen Glanz genießen, dann ist der Wald gar nicht falb, sondern leuchtet noch kräftig grün, gelb, rot. Gleich hinter der Stadtgrenze Rigas beginnt die Farbenpracht. Bei einem Sonnentag im Frühherbst ziemt es sich, aus der Hauptstadt aufzubrechen und beispielsweise die Insel Dole bei Salaspils zu besuchen. Dort lässt sich der süße Abschiedsschmerz – gar nicht öd - von den hellen und heiteren Tagen recht angenehm empfinden. Auch der Bildungshunger wird gestillt: Auf der Insel befindet sich ein kleines Museum, das der Kulturlandschaft entlang der Daugava gewidmet ist.

Das Daugava-Museum auf der Insel Dole bei Riga, Foto: LP

 

Unromantisches zu Beginn: Die Insel Dole ist nur noch eine Halbinsel

Nun hat das Romantisieren gleich zu Beginn ein jähes Ende. Die Erklärung, warum Dole heutzutage keine Insel, sondern nur noch Halbinsel ist, passt zu keinem Eichendorff-Vers. Bauarbeiter errichteten einen Damm, der die Südspitze Doles auf beiden Seiten mit dem Ufer des Stromes Daugava (deutschbaltisch: Düna) verbindet. Von Ikšķile (Uexküll) bis Dole ragt nun ein riesiger Stausee. Auf dem Damm befindet sich das Wasserkraftwerk Riga (Hidroelektrostacija/ HES Riga), das Bauarbeiter seit den 60er Jahren errichteten und das bis 1986 endgültig fertig gestellt wurde. In den Tiefen des Dammes drehen sich sechs Turbinen, die die nahe Hauptstadt mit Elektrizität versorgen. Aus dem länglichen Betongebäude ragen die Kabel, die zu einem Umspannwerk auf der Insel führen. Der profane Damm macht den Zutritt zur ehemaligen Insel bequem. Eine Straße bedeckt den Damm, am Kraftwerk vorbei gelangt man sogleich auf die ehemalige Fischerinsel. Die drei Daugava-Kraftwerke, die etwa Zweidrittel des lettischen Strombedarfs erzeugen, sind Fluch und Segen zugleich, darüber wird der Inselbesucher im Daugava-Museum später mehr erfahren.

Das Wasserkraftwerk bei Dole

Der Damm, auf dem das Wasserkraftwerk steht, Foto: LP

 

Wandern über eine ehemalige Fischerinsel

Wer Dole (deutschbaltisch: Dahlen) betritt oder befährt, wird kaum wahrnehmen, dass das Gebiet eine Insel oder Halbinsel ist. Sie ist mehrere Kilometer lang und breit. Die wenig befahrene Landstraße Richtung Museum lässt sich ruhig bewandern. Man sieht weite Wald- und Wiesenlandschaften, sogar leichte Anhöhen, vereinzelt Gehöfte oder kleine Siedlungen. Aus den Steinmauern einer Hof-Ruine leuchtet gelb Gebüsch. Die Daugava, die in Russland entspringt und nach etwa tausend Kilometern sich durch die HES-Turbinen zwängt, ist nirgends zu sehen. Dole ist keine kleine Flussinsel, man beschreibt das klobige Stück Land besser als einen Keil, der Lettlands größtes Gewässer in zwei Seitenarme teilt. Vom Damm aus sieht man die Silhouette der Hauptstadt, der Fernsehturm scheint überraschend nah. Doch auf der Insel ist vom städtischen Getriebe nichts mehr zu spüren. Hier dominiert die Natur, Zivilisation fügt sich sporadisch ein. Schließlich gelangt man zu einer kleinen Ansiedlung, aus der ein Kirchturm herauszuragen scheint. Abendglocken werden aber leider nicht erschallen. Der Turm ist Teil des Museumsgebäudes, das von einem prächtigen Park umgeben ist. Früher war das Haus eine Residenz adeliger Deutschbalten, denen die Insel gehörte. Es überstand die Revolutionswirren von 1905, als Letten die Schlösser ihrer deutschen Herrschaften brandschatzten. Doch zunächst drängt es die Seele in den Park, der sich bis an das Ufer der Daugava erstreckt. Hier ist weder vom Damm noch von Riga irgendetwas zu bemerken. Der breite Seitenarm der Daugava glitzert in der späten Nachmittagssonne. Die Wolken spiegeln sich im Wasser, Schilf säumt das unbegradigte Ufer, an dem einige Eichenbäume zur Allee gereiht sind. Der Durchblick durch die ockerfarbenen Kronen erspäht die andere Flussseite. Die bunten Blätter verzieren die Sicht wie in einem impressionistischen Gemälde. Unter den Bäumen zwischen Ufer und dem Museum finden sich einige graubraune Holzhäuser mit Reetdächern sowie hölzerne Fischfangkonstruktionen. Diese Nachbauten erinnern daran, dass hier dereinst Fischer lebten. Ihnen wurden die drei Wasserkraftwerke der Daugava zum Verhängnis. Die Dokumentation im Museum erklärt warum.

Ruine auf Dole

Ruine auf Dole, Foto: LP

 

Von altbaltischer Schmiedekunst bis zum modernen Brückenbau

Das kleine Daugava-Museum informiert umfangreicher, als man zunächst beim Eintritt ahnt. Wer minutiös alles liest, wird Stunden brauchen. Leider sind viele Texte nur auf Lettisch geschrieben, mit ausländischen Gästen rechnet man bislang offenbar kaum. Doch die Kassiererin hält einige Kladden in Fremdsprachen bereit. Geologen, Archäologen, Historiker, Biologen, Volkswirte, Volkskundler und Politikwissenschaftler oder kurz: Jeder der sich für die vielen Aspekte einer Kulturlandschaft interessiert, kommt hier auf seine Kosten (und die sind mit nur 0,70 Lats Eintrittsgebühr recht erschwinglich). Er erfährt beispielsweise, dass die Wasserkraftwerke dem Fischfang den Garaus bereiteten, denn den Zugfischen, die früher die Insel auf dem Weg zur Ostsee passierten, ist seitdem der Weg versperrt. Die Wasserkraft ist ein Fluch des Landes, Kirchen, Dörfer und Skulpturenparks verschwanden in den Stauseen. Die lettische Opposition gegen das Sowjetregime gründete sich als Ökologiebewegung, die ein viertes Daugava-Kraftwerk verhindert hat. Die Wasserkraft ist aber auch ein Segen, denn sie erzeugt Zweidrittel des lettischen Strombedarfs. Daher sind Stimmen rar, die ein eigenes Atomkraftwerk auf lettischem Boden fordern. Der historische Grund, auf dem der Bremer Bischof Meinhard das erste steinerne Gebäude des Landes errichten ließ, versank beinahe gänzlich im Stausee. Um die Ruine zu erhalten, musste ihre Position erhöht werden. Im Museum ist ein Modell von Meinhards Anwesen zu sehen. Geht man weiter den Saal entlang, also weiter in die Frühgeschichte zurück, sieht man eiserne und bronzene Überreste. Die baltischen Urstämme verstanden sich auf die Schmiedekunst, um Schmuck, Werkzeuge und Waffen herzustellen. Bevor sich der Stausee mit Wasser füllte, hatten Archäologen das Gelände erforscht und Fundstücke dem Museum übergeben. Auf der anderen Seite, Richtung Moderne, findet der Besucher weit mehr als HES-Geschichte: Dokumente, Fotos und Statistiken informieren über Fisch- und Fischfangarten, Brückenbauten, versunkene Denkmäler, die wirtschaftliche Bedeutung des Rigaer Hafens und vieles mehr.

Daugava-Ufer bei Dole

Blick vom Dole-Ufer über die Daugava, Foto: LP

 

Von Vietinghoff schaute sich was von Goethe ab

Dass auch dieses kleine repräsentative Anwesen einst deutschbaltische Besitzer hatte, überrascht wenig. Solche historische Bauten des früheren Adels sind über ganz Livland verstreut gewesen. Zwei Beobachtungen sind aber erwähnenswert und erinnern an längst vergessene Zusammenhänge zwischen der deutschen und lettischen Kulturgeschichte. Im Park befindet sich eine kleine Anhöhe mit Lindenbäumen. Ein Schild erinnert daran, dass Otto Hermann von Vietinghoff im 18. Jahrhundert die Insel beherrschte. Er galt als einflussreicher Kunstmäzen jener Zeit. Nach dem Vorbild des Weimarer Hoftheaters, das damals Goethe leitete und der seine Schauspieler in Parks auftreten ließ, veranstaltete dieser Baron Theater unter den Lindenbäumen seiner Parkanlage. Die ersten professionellen Schauspieler des Landes traten auf seiner Wiese auf. Später stiftete er der Stadt Riga ein Schauspielhaus. Die Architektin Ilze Māra Janelis hat die genaue Lage des Parktheaters Dole erforscht. Unweit davon erspäht der Besucher einen weiteren deutsch-lettischen Bezug: An einer stattlichen, meterhohen steinernen Vase liest der Interessierte, dass es sich um eine Gedenkurne für einen Adeligen handelt. Der Berliner Bildhauer Johann Gottfried Schadow hat sie 1803 gestaltet. Auf der Insel kommt auch die aktuelle Kunst nicht zu kurz: Die Dozentin der Kunstakademie, Ieva Krūmiņa, zeigt hier noch bis zum 31. Oktober 2011 Werke ihrer Textilkunst. Man muss ein Meister des Desinteresses sein, um auf der Insel Dole nichts Interessantes und Beschauliches zu entdecken.

 

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