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Münster, 18.5.2012
Riga im Spätsommer 2011: Der Domplatz ist um eine Attraktion reicher - Aus Rigas Börse wird ein Kunstmuseum PDF Druckbutton anzeigen? E-Mail
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Sonntag, den 28. August 2011 um 06:46 Uhr

Rigas Börse

Die Altstadt von Riga glänzt noch in den Farben des Sommers. Noch hält sich das Grün der Alleebäume. Die lettischen Schüler genießen die letzten Ferientage. Da heißt es: Taubenfüttern im Park oder ein Sonnenbad am Stadtkanal nehmen. Dieser ist seit mehreren Jahren eine Wasserstraße, nicht nur für Paddel- und Tretboote. Sogar motorisierte Personenschifffahrt findet nun Platz im engen Gewässer. Die Größe eines Vaporettos, eines venezianischen Wasserbusses, erreichen Rigas Barkassen nicht. Dennoch weisen die Rigenser stolz auf italienisches Flair. An den Ufern flaniert ein Brautpaar mit den Gästen. Sie installierten gerade an der kleinen Brücke am Basteiberg ein weiteres Liebesschloss. Auf diese Weise versperren hochzeitswillige Paare auch die Brückengeländer von Florenz und Rom. Nach zwei Jahrzehnten Unabhängigkeit ist der alte Hanse-Stadtkern von sowjetischen Funktionsbauten befreit. Die Fassaden der meisten Bürgerhäuser und Stadtpaläste sind restauriert. Im späten August kann der Tourist sein lettisches Bier noch draußen genießen. Gerade der Domplatz lädt dazu ein. “Platz” heißt auf Lettisch “Laukums” und auf Italienisch “Piazza”. Und der Platz unter Rigas größter Kirche hat von allen dreien etwas: Vom Biertisch aus fällt dem Riga-Besucher der frisch renovierte Palazzo ins Auge. Er war jahrelang hinter Baugerüsten verschwunden. Die Reiseführer verrieten zwar, dass es sich um “Rigas Börse” handele, doch der rätselnde Tourist vermisste jegliches hektische Broker-Getriebe.

Rigas Börse - Der restaurierte Palast ist nun für die Öffentlichkeit zugänglich, Foto: LP

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Rigas Börse ohne Stier und Bär

Auch von Stieren und Bären, den metaphorischen Höhen und Tiefen der Aktienhändler, war nichts zu sehen. Kein Gebäude des Platzes schien unbelebter. Tatsächlich fand hier seit den zwanziger Jahren kein Wertpapierhandel mehr statt. Der Initiative der ehemaligen Kulturministerin Helena Demakova verdankt Riga nun eine neue Attraktion: Bauarbeiter verwandelten Rīgas Birža, die alte Börse von Riga, in einen Tempel für ausländische Kunst. So folgen die Rigenser abermals einer italienischen Tradition. Die Stiefelbewohner, die einst mit Stadtgründungen und Geldwirtschaft Europa den Weg wiesen, um sich der Feudalherrschaft zu entledigen, überließen die Weltherrschaft über den Casinokapitalismus anderen Nationen. Statt dessen profilierten sie sich als ein Volk, dem viel Sinn für Kunst und Design nachgesagt wird. Die Rigenser folgen der italienischen Entwicklung und machten aus ihrer alten Börse kein Spielcasino, sondern einen Kunsttempel. Er wurde an den Feiertagen zum 810. Jubiläum Rigas eröffnet. Dieser neue Ableger des Lettischen Nationalmuseums beherbergt auf fünf Etagen Fläche für verschiedene internationale Ausstellungen, mehrere Cafés, einen Souvenirshop und eine Kunstschule für Kinder. Die Idee, Rigas Domplatz mit einem venezianischen Palazzo zu bereichern, stammt vom Petersburger Architekten deutscher Herkunft, Harald Julius von Bosse. Dieser ließ von 1852 bis 1855 die Börsianerstätte im italienischen Stil errichten.

Palatin in Rom

Der Palatin in Rom ist die Geburtsstätte aller Paläste, Foto: Wolfgang Wehrl auf Wikimedia Commons

 

Italienisch-Lettisches zum Beginn

Die lettischen Kunstexperten nutzen das Gebäude, um ausländische Kunst zu zeigen. In dieser Größe wagt man kaum, die alte Börse nur als Filiale des Nationalmuseums zu bezeichnen. Insgesamt kann der Museumsgast fünf verschiedene Galerien besichtigen. Im Großen Ausstellungssaal, in der Galerie des Orients und in der kleinen Bosse-Halle spornen Wechselausstellungen zum erneuten Besuch an. Die Galerie der Malerei präsentiert westeuropäische Bilder vom 16. bis 19. Jahrhundert, die Galerie des Westens zeigt Porzellan der letzten drei Jahrhunderte und das Silberkabinett Meisterwerke von Metallkünstlern aus der baltischen Region, Russland, Deutschland und Großbritannien. (Aktuelle Ausstellungen im Event-Kalender der LP). Zur Eröffnung erinnern die Museumsmacher an die lettisch-italienische Tradition: Im kleinen Bosse-Saal zeigen sie, wie lettische Künstler Venedig darstellten. Die Lagunenstadt faszinierte lettische Kunstklassiker wie Jāzeps Grosvalds ebenso wie den Impressionisten Ludolfs Līberts. Miervaldis Polis gestaltete in den siebziger Jahren ein ironisch-melancholisches Selbstporträt: Seine schwarzweiße Collage zeigt sein Antlitz vor einer Luftansicht Venedigs als „Illusion auf dem Buch, über eine Seite von Venedig“ - Damals zur Sowjetzeit war der Besuch Venedigs ähnlich illusorisch wie eine Reise zum Mond. Die Große Ausstellungshalle beginnt mit italienischer Kunst: „Glasstress Riga – Werke des Berengo-Ateliers“. Ehrlich gesagt, diesem „Glasstress“ wollte sich der Schreiber dieser Zeilen bislang nicht aussetzen. Und für alle, die von der Brotlosigkeit der Kunst und der Notwendigkeit echten Börsenhandels überzeugt bleiben möchten, gibt es noch eine gute Nachricht: Auch die Wirtschaftsmetropole Riga hat noch eine funktionierende Börse mit richtigem Aktienhandel. Sie fungiert als Nasdaq OMX Riga in der Valņu iela. Sie liegt 800 Meter vom Domplatz entfernt.

 

Nachtrag:

Wie die LP aus gut unterrichteten römischen Kreisen erfahren hat, wurden die Liebesschlösser am römischen Ponte Milvio inzwischen entfernt, weil die Brückenlaternen unter der Schlösserlast zusammenbrachen. Nun werden römische Paare nach Riga reisen müssen, um ihr Liebesglück zu beschließen. Für Fans des verriegelten Ponte Milvio gibt es im Internet aber eine italienische Trostseite:

http://www.lucchettipontemilvio.com/


Externer Linkhinweis:

Webseite des Kunstmuseums Rigas Börse (englisch)

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 06. September 2011 um 07:21 Uhr
 

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