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Münster, 18.5.2012
Mit 810 noch eine fesche Braut: Riga feiert Geburtstag PDF Druckbutton anzeigen? E-Mail
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 06. August 2011 um 00:00 Uhr

Rigas WappenDas, was man beim Menschen am Gesicht misst, macht bei Städten die Altstadt aus. Und Städte haben ihren Erbauern dabei so manches voraus: Sie werden nicht nur wesentlich älter, sondern, von architektonischen Kosmetikern betreut, im hohen Alter noch immer schöner und attraktiver. Die Metropole Riga, die der lettische Schriftsteller Andris Kolbergs in seiner Stadtgeschichte als “alte Dame” beschreibt, wird mit 810 Jahren in ihrem Gesicht, also in ihrem historischen Zentrum, eine zunehmend feschere Hanse-Braut, die das Urteil ihrer touristischen Verehrer nicht scheuen muss. (Die hässliche Orangenhaut um die Hüften und die Krampfadern, diese Problemzonen, die bei Städten Plattenbauviertel und Ausfallstraßen heißen, ignoriert der Riga-Liebhaber). Und die größte Metropole der baltischen Länder reizt nicht nur mit frisch restaurierter Altstadt, sondern ebenso mit einem üppigen Dekolleté, also einer recht prächtigen Neustadt, die aus Jugendstilzeiten stammt. Dazwischen mag der Verehrer an der Halskette, also in den Parks am Stadtkanal schmachten, wo eine Barkasse ihre Bootsgäste durch die Brücken gondelt. Die Riga-Biographen berichten, dass sie vor 810 Jahren das Licht der Welt erblickte und der Bremer Domherr Albert von Buxthoeven ihr Vater ist. Er und seine Pilger konnten schreiben und daher der Nachwelt vieles verkünden. Aber 1201, als Albert hier seinen Bischofssitz errichtete, siedelten längst baltische Stämme an diesem Naturhafen der Daugava. Doch es ziemt sich nicht, eine Dame älter zu machen und daher feiern die Letten ihre Hauptstadt gemäß des deutschbaltisch verzeichneten Geburtsdatums. Vom 19. bis 21. August 2011 können auch Gäste aus dem Ausland mitfeiern und lettische Lebensart auf den Straßen und in den Parks, in Konzertsälen und Museen kennen lernen.

Rigas Stadtwappen - die Stadtväter vermissen die Schlüssel, Graphik: Wikimedia Commons

 

Singen und Tanzen

Musik hat an der Bernsteinküste eine besondere Tradition. Zum Geburtstag bringen die Rigenser ihrer Hauptstadt auf vielfältige Art Ständchen. Zum Beispiel erklingt am 18.8. ab 20.30 Uhr Turmmusik auf dem Rigaer Domplatz. Sowohl von der Domspitze als auch von den Balkonen rund um den Platz spielen Musiker Werke des Mittelalters und der Renaissance. Ein Höhepunkt dürfte der Tag der Straßenmusik am 20.8. werden. Den ganzen Tag über soll jeder, den es zu musizieren und zu singen gelüstet, sich auf die Straße begeben, sich mit anderen an bestimmten Orten treffen und seine Tonkunst zum besten geben. Die Idee dazu schauten sich die Letten von ihren Nachbarn ab. Der litauische Musiker Andrius Mamontovas hatte 2007 erstmals den Einfall, einen solchen Tag in Vilnius zu veranstalten. 700 Musikanten beteiligten sich, inzwischen haben 52 litauische Städte Tage mit Straßenmusikern veranstaltet. Mamontovas freut sich, dass jetzt auch die lettischen Nachbarn seine Idee übernehmen und sieht darin viel Verbindendes: „Ich weiß, dass auch Riga bald Kulturhauptstadt wird und das Fest der Straßenmusik könnte ein symbolischer Anfang werden. Unsere Länder sind benachbart und völlig wie ein Ganzes, wir vertreten eine Region und sehr ähnliche Kulturen. `Der Tag der Straßenmusik` erfolgt nicht im Geist der Aggression und des Kampfes, sondern allein mit positiver Energie. Er ist ein Lehrstück für Demokratie und Freiheit. Die Menschen befreunden sich, hören Musik und genießen einfach einen Tag in der Stadt.“ Das ist gewiss eine gute Gelegenheit, Letten bei ihrer Lieblingstätigkeit kennen zu lernen. Wer es gern klassisch mag, der dürfte mit einem Symphoniekonzert der nördlichen Nachbarn gut bedient sein. Das Jugendorchester der estnischen Nomme-Musikschule, das sich bereits häufig auf internationale Tournee begab, spielt am 21.8. um 16 Uhr in der Petrikirche. Das Hauptkonzert auf der Mežapark-Bühne bietet Chorgesang von 7000 Sängern. Sie werden Lieder von Pēteris Barisons, Emīls Dārziņš and Jāzeps Vītols darbieten. Wo Musik ist, wird nicht selten getanzt, beispielsweise am 20.8. auf dem Vorplatz der Kongresshalle. Von 10 bis 23 Uhr können sich Unermüdliche am Salsa-Marathon beteiligen. Wer diesen Tanz noch nicht beherrscht, wird ihn wohl im Laufe des Tages erlernen. Anfänger und Profis und diverse Altersgruppen tanzen in verschiedenen Kategorien. Alle Teilnehmer werden einen dreiminütigen Latino-Dance einüben, der am 21. August auf der Bühne am Daugava-Ufer präsentiert werden soll.

Rigas Innenstadt

Rigas Dom in der Altstadt nicht weit von der Daugava. Foto: Brunswyk auf Wikimedia Commons

 

Bauen und Werken, Spielen und Springen

Die Letten beherrschen noch das traditionelle Handwerk. Auf speziellen Märkten findet der Tourist handgemachte Textilien, Töpfe, Becher und Holzgeschirr. Zum 810. Geburtstag hat der Riga-Besucher Gelegenheit, solche Stände im Wöhrmann-Garten oder im Park Esplanade aufzusuchen. Kunsthandwerker sind zugegen, die ihre Fertigkeiten vorführen. Dort kann der Besucher zudem diversen Folklore-Gruppen zuschauen und zuhören. Wer es experimenteller mag, sollte am 20.8. ab 12 Uhr die Hallen des Zentralmarkts begehen. Theatergruppen zeigen an verschiedenen Stellen zwischen den Verkaufsständen ungewöhnliche Szenen aus dem Leben der Rigenser. Oder Rigas Gäste werden gleich selbst zu Akteuren eines Films in der Sergeja Eizenšteina-Straße, die an den berühmten sowjetischen Filmregisseur erinnert, der in Riga geboren wurde. An diesem Tag soll dort ein Film entstehen, der Rigas Biographie vom ersten bis zum 810. Lebensjahr erzählt. Außerdem wird ein Traum-Schiff aufgestellt, das den kleinen Sergejs zu Panzerkreuzer-Visionen inspirierte. Wer sich als Darsteller noch zu unsicher fühlt, kann sich auf der Teātra-Straße an Workshops beteiligen, um Dichten, Tanzen, Pantomime, Bildhauerei oder Zeichnen in Schnellkursen zu erlernen. Das war nur ein hastiger Schnelldurchgang durch das vielfältige Programm, das zudem noch zahlreiche Ausstellungen, sportliche Wettbewerbe, eine Flugshow und mehr bietet. Rigas Geburtstagsgäste können sich auf Dutzenden von Veranstaltungen amüsieren. Mehr können Sie auf der englischsprachigen Homepage zur 810. Jahresfeier erfahren. Übrigens: Die meisten Aktivitäten sind umsonst oder verbilligt. An diesen Tagen sollen die städtischen Busse umsonst verkehren (Diese Info ist ohne Gewähr).

Markthallen

Rigas Markthallen waren einst als Zeppellinhallen für die deutsche Reichswehr konzipiert. Nach ihrem Rückzug erwarb die Stadt das Gelände und verwandelte die Hallen in einen großflächigen Lebensmittelmarkt mit umfangreichem Angebot, Foto: Brunswyk auf Wikimedia Commons

 

Ein neuer Schlüssel für Riga

Jene Touristen, die in Riga so vernarrt sind, dass sie nie mehr nach Hause wollen, können ihre alten Wohnungsschlüssel gleich in den Kasten werfen, der sich auf dem Ratshausplatz befindet. Bürgermeister Nils Ušakovs will alle Schlüssel einsammeln, um für seine Stadt einen großen neuen zu gießen. Mittelalterliche Rittersleute tragen den Kasten am 21.8. ab 11 Uhr in einer feierlichen Prozession durch die Innenstadt bis zum Daugava-Ufer. Dort wird Kārlis Alains Rigas neuen Schlüssel schmieden. Bis 22 Uhr soll er fertig sein und öffentlich vorgeführt werden. In welches Schloss er dann wohl gesteckt werden mag? Der historische Stadtschlüssel wurde von einem russischen Grafen vor 300 Jahren mitgenommen. Ušakovs hatte im Frühjahr von den Moskauern die Rückgabe erbeten, aber keine Antwort erhalten. Möge der neue Schlüssel den Rigensern und ihren Gästen reizvolle Zugänge zu vielen spannenden zwischenmenschlichen Begegnungen erschließen. Rigas Geburtstagsfeier wird zahlreiche Gelegenheiten dazu bieten.


Externer Linkhinweis:

rigassvetki.lv: Webseite zu Rigas 810. Geburtstag (englisch)

Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 07. August 2011 um 12:33 Uhr
 

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