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Geschrieben von: Udo Bongartz   
Dienstag, den 09. September 2008 um 22:26 Uhr
“O! Vācija” - “Oh! Deutschland” konnten die Rigenser im Mai 2008 auf Plakaten lesen. Doppeldeutig und zweisprachig war dieser Oh!-Deutschland-Kuchen in Riga Ausruf das Motto von Filmnächten, Vorträgen, Diskussions-
veranstaltungen, Ausstellungen und Konzerten, mit denen der Deutsche Akademische Austauschdienst DAAD und das Goethe-Institut ihr Land präsentierten. Zugleich überraschten die Letten die Berliner mit “Cūkmens” & Co. Solch ein Kulturaustausch bietet zahlreiche Möglichkeiten des Kennenlernens und der Verständigung – die persönlichen Begegnungen verdeutlichen aber auch die Stereotypen und Vorurteile, die sich nach vielen Jahrzehnten des Getrenntseins gebildet haben.
Mit Guß: Deutschland stellt sich in Riga vor. Photo: Udo Bongartz

Über die Frage, wie Letten Deutsche wahrnehmen, sprach die Lettische Presseschau mit Evija Rimšāne, die ein halbes Jahr lang als Praktikantin des Deutschen Bundestages in Berlin lebte. Zuvor hatte sie den interkulturellen deutsch-lettischen Bachelor-Studiengang der Lettischen Kulturakademie absolviert, nun arbeitet sie zu bilateralen Fragen im lettischen Außenministerium. Die junge Frau widerspricht so manchem negativen Klischee, das den Deutschen anhaftet – und bemerkt zugleich deren Unverständnis für die lettische Geschichte.
Lettische Presseschau: Nützen Ihnen Deutschkenntnisse?

Evija Rimšāne: Ich habe gute Chancen, einen Job zu bekommen. Auf dem lettischen Arbeitsmarkt gibt es weniger Konkurrenz, wenn man gute Deutschkenntnisse hat.

LP: Die Zahl der Deutsch-Lerner geht in Lettland stark zurück, zum Beispiel ist es für Historiker nicht mehr Pflicht, Deutsch zu lernen.

ER: Ich habe einen Bekannten im Master-Studiengang Geschichte. Eigentlich wäre es für ihn erforderlich, dass er deutschbaltische Quellen lesen könnte. Doch das wird nicht besonders geübt.

LP: Sie waren ein halbes Jahr lang in Berlin, als Praktikantin des Deutschen Bundestages, wie sind Ihre Erfahrungen mit den Deutschen?

ER: Es war eine sehr schöne Zeit. Aber “Es war sehr toll” würden wahrscheinlich viele sagen. Bei einem solchen Aufenthalt ist es wichtig, dass man gute Beziehungen zu den Menschen entwickelt. Dabei habe ich festgestellt: Die Deutschen sind sehr aufgeschlossen. Ich habe mich wie in einer Familie gefühlt. So hatte ich auch die Motivation, mich für sie zu engagieren und etwas zu lernen.

LP: “Aufgeschlossen”? Sind die Deutschen nun 'Italiener' geworden?

ER: Ich meine nicht diese südländische Aufgeschlossenheit. Es ist eher eine Gelassenheit, die aus ihrer Erfahrung resultiert. Sie beruhigten mich häufig, wenn ich Stress hatte und mich in Details verlor. Aber vielleicht ist das insgesamt eine verbreitete westliche Einstellung, die Dinge lockerer zu nehmen. Der Mensch, nicht das Protokoll stehen im Mittelpunkt, und das ist sehr sympathisch. Die Art, wie die Deutschen große Veranstaltungen organisieren, erscheint mir sehr gelassen.

LP: Liegt diese Wahrnehmung nicht vielleicht auch daran, dass man die Dinge im Ausland am Anfang sehr rosig betrachtet?

ER: Das glaube ich nicht, dazu bin ich schon zu häufig im Ausland gewesen. Die Arbeitsweise ist jedenfalls anders, das würde an meiner Stelle jeder sagen. Im täglichen Umgang spielen bei den Deutschen Hierarchien und Rangordnungen weniger eine Rolle, das fällt auf.

LP: Wie kamen Sie als Praktikantin zum Bundestag?

ER: Der Bundestag finanziert Stipendien für Bewerber aus Osteuropa und Zentral-Asien, um die Demokratie in diesen Ländern zu fördern. Man arbeitet dann fünf Monate im Büro einer politischen Fraktion und wird einem bestimmten Abgeordneten-Büro zugeteilt, den man sich nicht aussuchen kann. Ich kam zu einem Abgeordneten, der für die Gesundheitspolitik zuständig ist.

LP: Das hört sich kompliziert und langweilig an.

ER: Das dachte ich am Anfang auch, ich war eher überrascht, als ich das erfuhr. Ich hatte in meinen Bewerbungen nirgendwo angedeutet, dass ich spezielle Erfahrungen mit der Gesundheitspolitik habe. Doch ich benötigte keine speziellen Kenntnisse. Wichtig war vielmehr, die praktische Arbeit der Parlamentarier zu erleben.

Das Praktikum-Programm war ziemlich ausgefüllt. Es gab viele Seminare, Veranstaltungen und Reisen zu den verschiedenen Partei-Stiftungen. Außerdem begleitete ich 'meinen' Abgeordneten eine Woche lang in seinem Wahlkreis im Südharz.

LP: Was machen die Politiker denn in ihrem Wahlkreis?

ER: Hauptsächlich treffen sie Menschen, und zwar nicht nur politische Repräsentanten, sondern vor allem auch die Bürger. Die Parlamentarier fühlen sich direkt verantwortlich für die Menschen vor Ort, die sie gewählt haben. Ich habe meinen Abgeordneten in Berlin nicht oft gesehen, weil er häufig in seinem Wahlkreis unterwegs war. Er traf sich zum Beispiel mit Senioren im Altersheim oder mit Behinderten, die in einer speziellen Initiative arbeiten, um sich beruflich zu qualifizieren.
Regierungsviertel in Berlin
Hier war E. Rimšānes Abgeordneter weniger unterwegs: das Regierungsviertel in Berlin. Photo: Udo Bongartz

LP: In der Ausstellung des DAAD-Hochschulkontors “Wie Letten Deutsche sehen”  ist ein Foto mit deutschen Politikern von Ihnen zu sehen.

ER: Es entstand auf dem Sommerfest des Landes Niedersachsen. Man sieht darauf Angela Merkel zusammen mit dem Ministerpräsidenten Christian Wulff und Familienministerin Ursula von der Leyen unter einem Regenschirm vereint.

LP: Gab es weitere Begegnungen mit Politikern?

ER: Ja, es gab einen Termin mit Gerhard Schröder, aber das war nur sehr kurz. Wir trafen auch Helmut Kohl. Ich stellte ihm eine Frage zum Verhältnis Russlands zu den baltischen Staaten. Er schien darüber etwas genervt zu sein. Wahrscheinlich antwortete er aus diplomatischen Gründen nicht, denn das ist eine heikle Frage.

Das bemerkte ich auch bei einem Seminar zum Thema 'Minderheiten', an dem wir gemeinsam mit Osteuropäern, z. B. Slowaken, Slowenen oder Ungarn, teilgenommen haben. Es fand in Schleswig-Holstein statt, wo es eine anerkannte dänische Minorität gibt. Wir hatten die Aufgabe, über die ethnischen Minderheiten in unseren eigenen Ländern zu referieren. Dabei zeigte sich, dass auch die Praktikanten aus diesen Nachbarländern unsere lettische Position nicht verstehen.

Gemeinsam mit den Esten nannten wir ganz sachlich Daten und Fakten zu diesem Thema. Doch dann kamen Fragen, die darauf zielten, uns als “Nationalisten” hinzustellen. Der wichtigste Streitpunkt war, warum viele Russen in den baltischen Ländern keine Staatsbürgerschaft erhalten.

LP: Diese Länder wurden zwar auch von der Sowjetunion beherrscht – aber sie wurden nicht russifiziert und sie kennen daher keine Sprachenkonflikte...

ER: Ja, sie verstehen nicht, dass man als Staatsbürger auch die Landessprache beherrschen soll. Es ist kaum möglich, jenen, die nicht diese historische Erfahrung gemacht haben, die heiklen
Zusammenhänge zu vermitteln, die mit diesem Thema verbunden sind.

LP: Manche Deutsche betrachten Letten vor allem als Kollaborateure der Nazis, über ihr Schicksal unter den bolschewistischen Besatzern wissen sie dagegen kaum etwas.

ER: Ja, die Deutschen erachten den Nationalsozialismus als das Hauptproblem und sie verstehen andere Länder nicht. Ich würde wirklich empfehlen, einen Blick ins Okkupationsmuseum in Riga zu werfen. Dann können sie vielleicht den entscheidenden Punkt für sich entdecken, warum viele Letten die Nazi-Okkupation 1941 zunächst begrüßt haben. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Letten bereits ein Jahr lang die bolschewistische Besatzung mit Massenmord und Massendeportationen ertragen müssen, da war ihnen egal, wer kommt.
Okkupationsmuseum in Riga
Wenn man die Geschichte Lettlands unter zwei Besatzungen kennenlernen will, führt kein Weg am Okkupationsmuseum in Riga vorbei. Photo: Udo Bongartz

Lettland möchte auf EU-Ebene erreichen, dass die Sowjetunion als totalitäres Regime betrachtet wird, das – in ähnlichem Umfang wie die NS-Herrschaft – Menschenleben millionenfach ausgelöscht und gegen die Menschenrechte auf schrecklichste Weise verstoßen hat. Der Unterschied zwischen diesen Ideologien besteht allerdings darin, dass die Nazis vor allem beabsichtigten, ethnische Gruppen, insbesondere die Juden vollständig zu vernichten. Die Stalinisten wollten dagegen die ehemalige Oberschicht, den Klerus und diejenigen Intellektuellen beseitigen, die in der Opposition waren oder die mehr Unabhängigkeit und Gleichberechtigung für die nichtrussischen Ethnien forderten. Aber es scheint noch ein langer Weg zu sein, bis es zu einer deutlichen Verurteilung des Stalinismus kommt. Nicht viele wollen dazu Stellung nehmen, das ist reine Politik. Mit Deutschen kommen öfters Missverständnisse bei diesem Thema vor.

An Lettland nimmt man international nur den sogenannten “SS-Marsch” am 16. März wahr. Ein kroatischer Bekannter von mir schreibt derzeit eine Arbeit über extremistische Gruppen. “Komm', erzähl mir von diesem SS-Marsch”, lautet seine ständige Aufforderung. Ich bin schon müde, darüber etwas zu erzählen. Ich habe viel darüber gelesen. Die russischen Medien sind ja voll davon.

LP: Unabhängig von diesem politischen Streit klingen Ihre Erfahrungen mit Deutschen aber sehr positiv.

ER: Sie sind einfach locker und flexibel. Man sagt, dass die Deutschen in Strukturen denken, mit Zeit und Uhr. Aber das habe ich nicht so erlebt. Auf die Uhr schauen sie natürlich, sie gehen pünktlich um fünf Uhr nach Hause, während wir hier bis neun Uhr oder länger arbeiten.

LP: Aber politischer Aufklärungsbedarf bleibt...

ER: Ja, da gibt es noch eine Menge zu tun.

Das Interview mit Evija Rimšāne führte Udo Bongartz
Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 26. Januar 2011 um 20:22 Uhr
 

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