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Münster, 25.6.2018
Der Lustgarten von Schloss Rundale: Ein Flaneur unter stacheligen Promis PDF Druckbutton anzeigen? E-Mail
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Dienstag, den 15. Juli 2008 um 21:23 Uhr
Schlossgarten Rundale Das Schloss Rundāle in der Nähe der südlettischen Stadt Bauska ist in jüngster Zeit um eine Attraktion reicher. In den letzten Jahren bepflanzten die Gärtner den Park der Barock-Anlage im Stil des 18. Jahrhunderts. Eine solch arbeitsintensive Gartenidylle ist in Europa nur noch selten zu finden. Auch der botanische Laie lustwandelt hier vergnügt durch aristokratische Gefilde.
Der Rosengarten im Schlosspark Rundāle. Dieses und alle anderen Photos: Udo Bongartz

Wer in den Rosarien auf den schnurgeraden Kieswegen flaniert, trifft auf illustre Namen: Unter vielen anderen Film-Diva Claudia Cardinale und Doktor Faust. Die italienische Schönheit zeigt sich hier von ihrer stacheligen Seite. Zwischen ihresgleichen führt sie ein Doppelleben als Zuchtrose mit weiß-gelben Blüten, die außen in einem Hauch von Rosa schimmern. Unweit von ihr hat sich die botanische Reinkarnation des Doktor Faust einen satt orange-roten Kelch angedeihen lassen. Er hat nun aber ach nur eine Blüte. Die aber ist teuflisch schön. Die 20.000 Rosen, unterteilt in Beete für alte und neue Züchtungen, zieren die vorderen Ränder des mit Maß begrünten Geländes.

Es empfiehlt sich, systematisch zu lustwandeln und erst einmal von der Empore der Schlossterrasse dieses Barock-Eden zu überschauen. Man stellt befriedigt fest: Wenigstens hier, auf einer Fläche von zehn Hektar, hat der Mensch die Natur noch fest im Griff. Sein symmetrischer Schönheitssinn bringt das Gewächs in Form.

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Bepflanzt wie gestickt: "Broderie" im Schlosspark Rundāle


Wie gut, dass es Wikipedia gibt. Der Artikel “Barockpark” aus dieser Internet-Enzyklopädie verleiht dem ahnungslosen Flaneur dieser Zeilen Worte: So erfahre ich nachträglich, dass die teppichartige Fläche direkt an der Schlossfassade sich “Parterre” nennt. Dort bewundert man des Gärtners Geschick, “Broderiebeete” anzulegen, die wie die Blätter eines Glücksklees den Springbrunnen in der vorderen Mitte umfassen. Der Franzose benennt mit Broderie Stickarbeiten. Tatsächlich glänzt das frisch frisierte Heckengesträuch zwischen feinem rotem Kies so vielversprechend wie das Ornament eines Korsetts.

Bosketthimmel im Schlossgarten Rundale
Blauer Bosketthimmel im Schlosspark Rundāle


Und der Gartenfreund wird nicht enttäuscht. Im anschließenden “Boskett”, das mit dem Wort “Gebüsch” viel zu grob übersetzt wäre, erwartet ihn so manche Lustbarkeit. Ein gitterner Gewölbegang, der mit Laubranken vor der Mittagshitze schützt, vereinigt botanische Idyllen: Zwischen den Lindenalleen verbergen sich ein ausgewachsenes grünes Amphitheater, holländische Tulpenbeete, Fliedergewächse, Blütenbäume, der Café-Pavillon “Unter der Goldenen Vase” und am Rande, am Gartenhaus, ein Picknick-Gelände zwischen englisch wild gedeihenden Blüten und Gesträuch.

Im Herzen der Anlage, hinter blickdichter Hecke, lädt das Blaue Boskett mit romantisch ungezähmt wachsenden Trieben zum Stelldichein. Hier darf Natur fast so sein, wie sie ist, und auf den zierlichen Sitzbänken, die um das kreisrunde Beet postiert sind, bequemt es sich bestens zu zweit.

Beete am Picknickgelände des Schlossgartens Rundale
Beete am Picknickgelände des Schlossparks Rundāle


Demnächst wird wieder ein Wassergraben dieses französische Gefilde unter baltischer Sonne umrahmen. Gemäß des Vorbildes Versailles setzt sich das symmetrisch gezogene Wegenetz im angrenzenden Wald fort – letzte Ausläufer des zügelnden menschlichen Geistes in einem Revier, in dem einst die Aristokraten ihrem Jagdinstinkt frönten.

Faust-Rose im Schlosspark Rundale
Eine Rose namens Faust im Schlosspark Rundāle


Selbst der aufgeklärte Geist des 18. Jahrhunderts vermochte das abgründig Faustische nicht vollständig aus seinen prächtigen Anlagen und Bauwerken zu vertreiben. Rundāles Volksmund munkelt von schaurigen Begebenheiten in den feudalen Gemächern. Erst neulich griff ein Gespenst nach dem Rockzipfel einer Museums-Angestellten. Die Spukgestalten zeugen davon, dass immer noch brutale Unvernunft den Menschen beherrscht: So fährt in finsteren Nächten der ehemalige Schlossherr Graf Zubovs mit einer Kutsche, die mit sechs weißen Pferden bespannt ist, durch Rundāles Löwentor. Der Sage nach schlug dieser Unmensch seinen Kutscher, weil dieser sich weigerte, spielende Kinder zu überfahren. Nachts ist Rundāle das Reich der Untoten. Dann verlassen zahlreiche menschliche Gerippe ihre Nischen, in die sie einst von bösen Grafen lebendig eingemauert wurden. Eines dieser Gespenster, das um Mitternacht umherstreift, ist die „Weiße Dame“. Die Adeligen beschuldigten die junge Schöne aus armen Verhältnissen, eine unzüchtige Beziehung zu einem Prinzen zu unterhalten. Doch das war nur ein Vorwand, um sie dem neuen Schloss zu opfern. Der Bau ging nicht so recht voran: Nachts stürzten die Mauern ein, die - der Sage nach - am Tage zuvor errichtet worden waren.

Löwentor des Schlosses Rundale
Durch das Löwentor jagte einst Graf Zubovs, der Unhold


Tatsächlich musste der Bauherr, Ernst Johann Biron, seine Geltungssucht, neuer Herrscher über das westlettische Kurland zu werden und sich eine prunkvolle Residenz zuzulegen, vorübergehend schwer büßen. Der Deutschbalte stammte nur aus niederem Adel. Als der kurländische Thron verwaiste, half ihm seine mächtige Freundin, Herzog dieser südwestlettischen Region zu werden. Die russische Zarin, Anna Iwanowna, stammte aus Kurland und schätzte Biron als einflussreichen Berater an ihrem Hof. Zunächst sorgte sich der Emporkömmling vor allem darum, sich in Jelgava (deutschbaltisch: Mitau) und Rundale (Ruhental) Residenzen im Stil des französischen Sonnenkönigs zuzulegen. 1740, nach vier Jahren Bauzeit an der Sommerresidenz in Rundale, starb seine Gönnerin. Nun herrschte Biron stellvertretend für das unmündige Zarenkind über das ganze russische Reich. Diese Regentschaft dauerte aber nur 22 Tage, dann schickten ihn seine Gegner, die er zuvor gnadenlos verfolgt hatte, nach Sibirien. Doch Biron, immerhin von Dienern im Exil betreut, erhielt doch noch Gelegenheit, seine Schlösser zu vollenden.

Als 1761 Peter III. den russischen Thron bestieg, holte er Biron aus der Verbannung zurück. Auch sein ehemaliger Architekt, der inzwischen den Winterpalast und viele weitere Bauten in Petersburg vollendet hatte, fand wieder Zeit, sich seinen Frühwerken in Kurland zu widmen. Denn der neuen Zarin Katharina II., die ihren Vorgänger schnell entmachtet hatte, behagte die alte Barockmode nicht. Der Petersburger Hofarchitekt wurde arbeitslos.

Springbrunnen im Schlosspark Rundale
Ein Hauch von Italien in Kurland: Springbrunnen im Schlosspark Rundāle


Dieser Artikel kommt nicht darum herum, Schönheits-Klischees zu bedienen. Natürlich war dieser Barock-Baumeister ein Italiener: Bartolomeo Francesco Rastrelli. Und er war ein Tausendsassa alter Schule: Auf freiem Feld ließ er unter der kurländischen Sonne seit 1736 nicht nur ein Schloss mit 138 Räumen aus dem Boden stampfen, er sorgte zudem dafür, dass in der Nähe Ziegeleien und Werkstätten entstanden, die die Baumaterialien lieferten. Selbstverständlich kümmerte er sich ebenso darum, dass die kurländischen Hofdamen auf einen üppig-strengen französischen Garten Ausschau halten konnten. Rastrelli war Baumeister, Gartenarchitekt, Bauunternehmer und Zeremonienmeister in einer Person.   

Der Zahn unruhiger Zeiten nagte heftig an der barocken Pracht. Nach dem Ersten Weltkrieg, als die Letten ihre nationale Unabhängigkeit erkämpft hatten, teilten sie Kurland. Rundāle gehörte fortan zur neuen Region Semgallen. Die Letten vertrieben den letzten Schlossherrn und richteten in seinen Gemächern eine Schule ein. Doch bald war das Dach so löchrig, dass nicht einmal eine Nutzung als Getreidespeicher in Frage kam. Die Sowjets erklärten die Anlage zum historischen Museum (Böse Zungen behaupten: Weil das Geld zum Abriss fehlte). Seit 1972 engagiert sich  Imants Lancmanis unermüdlich für die authentische Wiederherstellung. Nach und nach erglänzen die Räume wieder im Stil des 18. Jahrhunderts, mit farbigen Seidentapeten, wandhohen Kachelöfen, kostbarem Mobiliar und chinesischem Porzellan, kristallenen Lüstern, Fresken und üppigem Stuck an den Decken sowie zahlreichen Porträtbildern an den Wänden.

Blick auf den Schlosspark Rundale
Barocke Pracht dank Imants Lancmanis und Dainuvīte Brūvere: Blick in den Schlosspark Rundāle


Jetzt kann sich der Besucher auch an dieser botanischen Idylle erfreuen. 1000 Soldaten der lettischen Armee halfen der Gärtnerin Dainuvīte Brūvere zwei Sommer lang, den harten Lehmboden mit Rosen zu bepflanzen. Soldaten als Gärtner eines opulenten Parks, in dem nun der Bürger aristokratisch flaniert - zumindest in Rundale hat die Vernunft gesiegt.
Felsen im Gauja-Park
Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 24. September 2013 um 15:11 Uhr
 

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