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Münster, 18.11.2017
Das LP-Sommergespräch: Vilciens Kokdarzs PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 16. Juli 2016 um 00:00 Uhr

Willkommen beim frischfröhlichen Privatsender RFC

Graues WählscheibentelefonIn Wählscheibenzeiten waren die Telefonnummern noch übersichtlich. Als Graham Bonney 1969 das Hitparadenpublikum mit dem Schlager "Wähle 333" betörte, klang eine derart runde Nummernfolge für so manchen Krähwinkler recht realistisch. Heutzutage sind internationale Telefonnummern so lang wie IBAN und nur Copy- and Paste-Funktionen können sie bewältigen. Vilciens Kokdarzs sah sich neulich genötigt, die Kölner Nummer seiner Tochter Zane manuell auf der Tastatur seines Fernsprechtischapparats einzutippen - und vertippte sich prompt...

Der Fernsprechtischapparat 611-2 - die "graue Maus" der Bonner Republik, Foto: Strelok - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=33445471prat

 

RFC: Nun haben wir einen Hörer, der sich an unserem Gewinnspiel beteiligt, in der Leitung, hallo, wie heißen Sie?

Kokdarzs: Hallo, ist Zane da?

RFC: Zane ist nicht da, Sie sind auf Sendung. Willkommen bei RFC, bei Radio Free Cologne, dem frischfröhlichen Privatsender der Domstadt. Wie ist Ihr Name?

Kokdarzs: Kokdarzs, Vilciens Kokdarzs.

RFC: Herr Kokdarzs, Sie haben einen Migrationshintergrund?

Kokdarzs: Ja, die Migration ist schon ein Problem heutzutage.

RFC: Ich meine, Ihrem Akzent und dem Namen nach stammen Sie aus dem Ausland?

Kokdarzs: Ja, das ist ein Auslandsgespräch, wissen Sie, aus Lettland. Deshalb möchte ich mich für das falsche Wählen entschuldigen...

RFC: Bleiben Sie am Apparat, Herr Kuhkdartz! Sie haben jetzt Gelegenheit, an unserem Gewinnspiel teilzunehmen. Sie können eine Reise für zwei Personen gewinnen, das dürfte sich in Ihrem Fall schon wegen der anfallenden Fahrtkosten lohnen. Also sind sie bereit?

Kokdarzs: Wir sind allzeit bereit.

(ein aufdringlicher Jingle ertönt)

RFC: Hier die Frage, hören Sie gut zu, dann bekommen Sie vier Antworten zur Auswahl. Also, die Frage lautet: In welcher Stadt hat der Philosoph und Theologe Johann Gottfried Herder studiert, war es:

a) in Königs Wusterhausen?

b) in Kaiserswerth?

c) in Königsberg?

d) in Königswinter?

Kokdarzs: Natürlich in Königsberg.

(ein aufdringlicher Jingle ertönt)

RFC: Das ist richtig. Herzlichen Glückwunsch! Sie kennen sich ja erstaunlich gut aus in der deutschen Philosophie. Sie haben ein Wochenende für zwei Personen im Fantasialand gewonnen. Was sagen Sie dazu?

Kokdarzs: Ich freue mich, in solch ein fantastisches Land fahren zu dürfen.

RFC: Wen werden Sie mitnehmen?

Kokdarzs: Wir mit meiner Frau reisen zusammen.

RFC: Der Gewinn ist nur für zwei Personen, aber Sie werden die Kinder mitnehmen?

Kokdarzs: Nein, nein, unsere Töchter arbeiten längst im Ausland, Agnese ist Ärztin in Sheffield und Zane arbeitet als Pflegehilfe in einer Kölner Familie. Wir möchten sie bald besuchen. Aber die Enkel werden wir mitnehmen, die sind nämlich bei uns.

RFC: Das ist ja fantastisch. Aber sagen Sie, woher haben Sie Ihre hervorragenden Deutschkenntnisse?

Kokdarzs: Ich bin Historiker der alten Schule, wir mussten noch Deutsch lernen, um deutschbaltische Quellen zu lesen. Aber als Historiker konnte ich meine Familie in Lettland nicht durchbringen. Deshalb arbeitete ich im Frühling in jedem Jahr als Spargelstecher am Niederrhein. Da habe ich mit Polen und dem deutschen Chef tüchtig gearbeitet und tüchtig gefeiert. "Trinken Wolga, Wolga," Sie verstehen?

RFC: Nicht wirklich. Aber sagen Sie, wieso ist Ihnen ein deutscher Philosoph im fernen Lettland ein Begriff?

Kokdarzs: Herder hat doch im "Journal meiner Reise" von 1769 festgestellt...

RFC: Ich muss Sie leider, leider unterbrechen, die Werbung wartet, bleiben Sie am Apparat, nach der Werbung sprechen wir uns wieder...

(Ein aufdringlicher Jingle ertönt, dann folgt 20 Minuten Werbung, dann Popmusik)

Mediapark in Köln

Köln lobpreist sich als Medien-Standort, Foto:  Marco Verch - Luftbild: Mediapark Köln, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=48960749

 

RFC: Hier haben Sie wieder richtig eingeschaltet, bei Radio Free Cologne, dem frischfröhlichen Privatsender aus der Domstadt. Gerade hörten Sie Rod Stewarts sanftes Reibeisenstimmchen mit "I am sailing". Nun segeln wir wieder an die lettische Ostseeküste zu Herrn Kuhkdartz, der in der Leitung geblieben ist. Herr Kuhkdartz, darf ich Sie, Ureinwohner eines Landes, von dem die meisten unserer Zuhörer nicht einmal die Hauptstadt kennen dürften, noch ein paar Fragen stellen?

Kokdarzs: Ja, stellen Sie.

RFC: Welche Sprache sprechen Sie in Lettland?

Kokdarzs: Lettisch.

RFC: Ist das ein russischer Dialekt?

Kokdarzs: So können Sie einen Letten beleidigen. Lettisch ist eine völlig eigene Sprache.

RFC: Sagen Sie mal einen Satz auf Lettisch...

Kokdarzs: Vīna pudele atrodas mājā pie jūras.

RFC: Lassen Sie mich raten, das heißt: Ein Pudel aus Wien studiert mit Maja Jura?

Kokdarzs: Na so in etwa.

RFC: Ist ja gar nicht so schwer, Ihre Sprache. Aber Russen haben Sie doch auch viele im Land?

Kokdarzs: Ja, viele.

RFC: Und man hört von Problemen?

Kokdarzs: Privat gibt es keine Probleme mit Russen. Wenn du einen Russen als Freund hast, kannst du keinen besseren finden, verstehen Sie? Aber öffentlich sind sie alle verrückt.

RFC: Was meinen Sie damit?

Kokdarzs: Na, wenn Sie beispielsweise einen Russen in Riga auf Lettisch fragen, wo der Bahnhof ist, dann antwortet er auf Russisch: "Ich weiß, wo der Bahnhof ist, aber ich sage dir das nicht, denn du bist ein Faschist, Lette, der keine menschliche Sprache spricht." Die einzige menschliche Sprache ist die russische, verstehen Sie?

RFC: Nicht wirklich. Aber Herr Kuhkdartz, Sie sind ja nun seit über einem Jahrzehnt EU-Bürger. Wie fühlen Sie sich in der Europäischen Union?

Kokdarzs: Am Anfang gut. Es ging aufwärts. Kredite waren billiger als Miete, wissen Sie? Doch dann kam 2009. Alles war auf Sand gebaut, die schönen Wohnungen nur noch Bauruinen. Dann kam die EU und sagte: Ihr Letten ja müsst sparen. Seitdem keine Arbeit mehr oder du bekommst nur Arbeit für Taschengeld. Dann schließt die EU auch noch unsere Zuckerfabrik und macht die Grenzen offen. Jetzt ja muss ich die Kinder im Ausland besuchen. In Brissele hat man keine Ahnung. Das geht so nicht.

RFC: Offene Grenzen sind doch etwas, was Sie hinter dem Eisernen Vorhang lange vermissten, oder?

Kokdarzs: Schon, aber nicht so offen. Wenn alle emigrieren, dann können wir Lettland dichtmachen. Auch Migranten wollen nicht bleiben, wenn sie keine gute Arbeit finden.

RFC: Mit Flüchtlingen tun sich die östlichen EU-Mitglieder schwer...

Kokdarzs: Ich möchte die Worte Ihres wunderbaren Preußenkönigs zitieren: "Jeder soll nach seiner Faҫon selig werden." Das ist vollkommen meine Überzeugung. Doch bitte schön, jeder dort, wo er andere mit seiner Faҫon nicht belästigt und bedroht.

RFC: Was meinen Sie damit?

Kokdarzs: Na, wenn ein Muselmane nur mit der Scharia selig werden kann, dann kann er sie in seiner Heimat gern haben. Aber er darf uns in unserer christlich-abendländischen Kultur keine Vorschriften machen. Stellen Sie sich vor: Einmal falsch geparkt und die Hand ist ab. Man ja muss auch die Ängste der Menschen verstehen.

RFC: Letten sind doch selber Migranten in anderen Ländern.

Kokdarzs: Das sagte ich schon, es ist schade, die Töchter weit weg zu wissen, wegen der Arbeit und nicht, weil sie es wollten...

RFC: Gut, Herr Kuhkdartz, das war gewiss ein interessantes Gespräch für unsere Zuhörer. Wann erfährt man schon mal was von einem waschechten Letten? Aber gleich kommen die RFC-News...

Kokdarzs: Darf ich noch eine Frage stellen?

RFC: Aber bitte schnell, wir haben noch 10 Sekunden.

Kokdarzs: Ist im Gewinn ein Flug dabei?

RFC: Ja, selbstverständlich.

Kokdarzs: Wo werden wir landen?

RFC: Auf dem Flughafen Köln-Wahn.

Kokdarzs: Ich hoffe, wir werden nicht in der Nacht ankommen, in Lettland wurde so einiges über Köln in der Nacht berichtet.

RFC: Ich denke, wir können einen Tagesflug organisieren, aber jetzt zu den News...

(ein aufdringlicher Nachrichten-Jingle ertönt)

 

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