Es kommt die Geschichte der 13 Stühle nach Riga

Ein mehr als ungewöhnliches multimediales Projekt strebt dieser Tage seinem vorläufigen Schlußpunkt entgegen - 13 Stühle (13 kresli), eine Reise in Raum und Zeit, die vom sibirischen Irkutsk über Bregenz (Österreich) und St. Gallen (Schweiz) zum Domplatz in Riga zu führt. Just dorthin, wo es in den Sowjetjahren einen kleinen Ausstieg aus der grauen Tristesse gab, eines der wenigen Cafés in der Metropole an der Daugava. Zudem eines, dessen Mobiliar Programm war: 13 Stühle hieß der Ort, genauso viele Sitzgelegenheiten gab es dort nämlich.

Angefangen hatte die Geschichte aber in Irkutsk. Hier und damit fern ihrer jeweiligen Heimat gaben sich der österreichische Soldat Josef D. und die lettische Lehrerin Zelma B. 1920 ihr Ja-Wort. Die Frischvermählten zogen nach Österreich, genauer gesagt: Bregenz am Bodensee. Vier Kinder gingen der Ehe hervor, eines davon Sohn Felix, der sich auch noch nach Jahrzehnten gut daran erinnert konnte, wie die Familie zwischen den Kriegen zu Besuch nach Riga fuhr. Zeitlebens war die Metropole an der Daugava für ihn ein magischer Ort. Wohl deshalb hat er seiner Tochter Maria-Luise noch kurz vor seinem Tod 1999 ein Buch als Schatz und Vermächtnis anvertraut - den Reiseführer Riga  (Progreß Verlag, Moskau 1978). Dort heißt es - in der einleitenden Phrase allerdings ein wenig geflunkert - "In Riga finden Sie viele kleine, gemütliche Cafés, wo Sie die Zeit mit Ihren Freunden bei einer Tasse duftenden Kaffee angenehm verbringen können. Das kleinste unter ihnen, das Café 13 kresli (13 Stühle) (Jauniela-Straße 11), ist so beliebt und so klein, daß es gar nicht einfach ist, dort einen Platz zu bekommen. Das Café hat wirklich nur 13 Plätze, und wenn sie alle besetzt sind, werden die Türen geschlossen" (S. 29). Just auf dieses legendäre Etablissement hat Felix D., der Sohn der lettischen Lehrerin Zelma B., seine eigenen Tochter Maria-Luise D. immer wieder besonders hingewiesen. Es wurde damit gleichsam Teil ihres Erbes - imaginäre 13 Stühle.

Gar nicht weit von Bregenz, diesmal aber in der Schweiz - St. Gallen, eine weitere Station. Hier ist "an der Linsebühlstraße 77 ein Postbureau aus dem jahre 1898 praktisch vollständig erhalten geblieben. In diesen Räumen betreibt Martin Amstutz seine Offizin Point Jaune. Neben Handsatz, Holz- und Linolschnitt sowie Handdruck beschäftigt sich dort der Künstler mit dem Aufbereiten und Verschicken von sonderbaren Geschichten. Mit anderen Kunstschaffenden zusammen entwickelt er oft surreale Projekte: von grünen Katzen ist die Rede, von Geisterschiffen, von Cafés, die es nicht gibt. Kein Wunder, daß M.-L. Dünser alias Rosa Rhomberg die Alte Post, auch Postpost genannt, auswählte, um ihre Erbschaft anzutreten", vermeldet eine Depesche aus der Linsebühlstraße.

"Am 13. Februar 2000 installierte Rhomberg im Schalterraum das Café der 13 Stühle. Mit handgedruckten Holzschnitten lud sie zum gemeinsamen Besitzen der 13 Stühle. Was als einmalige Aktion gedacht war, wurde zur Serie. Alle paar Monate, jeweils an einem 13., stellte die Künstlerin die 13 Stühle wieder auf. Rasch bildete sich ein Kreis von Liebhabern dieser Anlässe. Die Installation war die Bühne, auf welcher Gäste zu Mitwirkenden wurden. Bühnenkünstler, die hier auftraten - der Schauspieler Robert Kuchenbuch mit Kollegen, die Sängerin Chanaelle Célestin, der Zauberer Francesco Funny Finger, der Tänzer Günter Marinelli u. v. a. - fanden sich als Gäster wieder. Die Welt war Bühne. Und auf der Bühne standen 13 Stühle".

Vielseitig wie er ist, hat Martin Amstutz, der Mann mit der Offizin Point Jaune, bei diesen Gelegenheiten für das gesorgt, was ein gutes Kaffeehaus stets auszeichnet: Musik. "Daß sich die Kapelle des Café 13 kresli als Musik aus einem imaginären Café versteht, kann nur hilfreich sein. Kurz: Im Puerto Deseado, dem ersehnten Hafen Patagoniens auf 47,5 ° S, gibt es das Café Deseado nicht. Im Bodenseeraum jedoch, auf 47,5 ° N, ist genau die Musik aus jedem Café entstanden. In wechselnder Besetzung sorgten die Musiker und Musikerinnen um den Komponisten, Akkordeon- und Bandoneonspieler Martin Amstutz bei jedem Anlaß mit 13 Stühlen in der Alten Post Linsebühl für den akustischen Rahmen".

Seit jenem denkwürdigen 13. Februar 2000 wurden die 13 Stühle in der Linsebühlstraße zu St. Gallen 13 mal besetzt, besessen und gefeiert. Allmählich Zeit, sich der Frage zu stellen, die von Anbeginn in der Postpost im Raume stand: "Wann werden die 13 Stühle nach Riga reisen?".

Und nun ist es so weit: nach einer Stippvisite in Bregenz (3. Juli) werden sie sich auf den Weg gen Osten machen. Über Prag (5. und 6. Juli) geht es schließlich in die lettische Hauptstadt - die Rückkehr ist, wie anders sollte es sein, für den 13. geplant, im Juli. Alles weitere in der Rubrik "Nicht nur Kultur-Veranstaltungen".

"Rosa Rhomberg, Enkelin von Zelma Marija Bergmane und Herrin der 13 Stühle"